Mittwoch, 14. Mai 2014

Thomaskommentar: Ob eine Heilige Wissenschaft notwendig ist (Ia q. 1 a. 1)



Bevor man Thomas kommentiert, könnte man zuerst einiges über seine Arbeitsweise sagen. Johannes Roger Hanses hat das, im besonderen Bezug auf die Summa contra Gentiles, im Ansatz hier und hier getan. Thomas' bekanntestes Werk, die Summa Theologiae, unterscheidet sich etwas davon, hier geht der große Lehrer strenger gemäß der scholastischen Methode seiner Zeit vor. Heute sagen viele, diese Methode sei gar nicht wissenschaftlich und hätte daher wenig Wert. Dabei bediente sich Thomas eigentlich einem methodischen Zweifel, den er aus den Schriften des Aristoteles erlernt hat. Er möchte immer zunächst klären, worum es sich in einer Frage überhaupt dreht. Zu diesem Zweck stellt er die Gegensätze zwischen These und Antithese dar, um dem Leser ganz genau bewusst zu machen, welcher Art von Problem behandelt werden soll. Dann erst geht es zur Lösung mit einer überlegenen Synthese.
Wenn das jetzt jemanden an die viel moderner klingenden Philosophen Descartes und Hegel erinnert, liegt er nicht ganz falsch. Und vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass die Werke des Aquinaten nicht nur eine historische Qualität haben, sondern uns noch heute in den Fragen der Philosophie und Theologie eine große Stütze sein können. 
Ein andermal mehr über die Methode des Dominikaners. Ich möchte ziemlich direkt ins Eingemachte gehen, denn genau so habe ich Thomas auch kennengelernt, ohne erst die ganze Peripherie genauestens zu studieren.

In der ersten Frage des ersten Teils der Summa Theologiae fragt Thomas nach der Heiligen Wissenschaft, wir würden sie im heutigen Sprachgebrauch vielleicht eher Theologie nennen, nach ihrer Bestimmung und ihrem Gegenstand. Da der Aquinate seiner eigenen Methode treu bleibt, muss er eigentlich so anfangen. Wenn er ein theologisches Werk schreibt, ist für ihn zuallererst der Bereich abzustecken, den die Theologie überhaupt behandeln kann. Thomas schreibt erst von einer sehr allgemeinen Vorstellung der Heiligen Wissenschaft und wird in den zehn Artikeln der ersten Frage immer genauer. So fragt er zunächst, ob es überhaupt nötig ist, eine Heilige Wissenschaft zu haben; dann, ob man sie überhaupt Wissenschaft nennen kann und was ihr Gegenstand ist, also, was sie untersucht, wie etwa die Biologie die Gesamtheit der Lebewesen zu ihrem Gegenstand hat. Zuletzt fragt Thomas, wie die Heilige Wissenschaft vorgeht bzw. überhaupt vorgehen darf. 

Man könnte sagen, dass es nicht notwendig ist, eine Lehre zusätzlich zur Philosophie zu haben, denn sogar die hl. Schrift sagt, der Mensch solle nicht erforschen, was über seine Vernunft hinausgeht. Mit allen Gegenständen der Vernunft beschäftigt sich aber ja schon die Philosophie. Die Wissenschaft beschäftigt sich nur mit Dingen, die existieren, denn ansonsten könnte man über sie keine vernünftige Aussage treffen. Und auch hier ist die Philosophie schon da und behandelt alles, was existiert, sie redet sogar von Gott. Um so überflüssiger wäre also eine Heilige Wissenschaft. 

Nachdem ich mal einen Vortrag über die fünf Gottesbeweise Thomas von Aquins gehalten habe, fragte mich jemand, wozu dann überhaupt noch die Offenbarung notwendig sei, wenn Gott sozusagen schon philosophisch zu erkennen ist. Ich konnte mit Thomas antworten, dass die Wahrheiten über Gott, wie sie durch den Vernunftgebrauch allein zu erkennen sind, tatsächlich nur von wenigen nach sehr langer Zeit und mit vielen Fehlern vermischt erreicht werden. Aber mehr noch: Gott übersteigt bei weitem die Fassungskraft des Menschen. 
Thomas schreibt, der Mensch ist auf Gott als sein Ziel hingeordnet. Das hört sich für uns vielleicht etwas befremdlich an. Wie Aristoteles geht Thomas davon aus, dass alle Dinge, Ereignisse und Handlungen zweckgerichtet sind. Ein Esstisch wird z.B. geschreinert, damit man darauf essen kann. Und Thomas ist der Überzeugung, dass Gott den Menschen geschaffen hat, damit der Mensch Gott schauen kann. 
Damit der Mensch sich aber auf dieses Ziel ausrichten, sich sozusagen darauf vorbereiten kann, muss der Mensch sein Ziel überhaupt erst einmal kennen. Darum, schreibt Thomas, war es für das Heil der Menschen notwendig, dass ihm durch göttliche Offenbarung bekannt gemacht wird, was über die menschliche Vernunft hinausgeht.

Zusammengefasst: Gott durch die Vernunft zu erkennen ist unsicher und ungenügend. Es ist aber von allergrößter Bedeutung, dass der Mensch Gott erkennen kann, dann von ihm hängt ja sein Heil ab. Damit die Menschen ihr Heil sicher erlangen können, schenkt uns Gott die Offenbarung. Das ist nicht nur vernünftig, sondern, wie Thomas noch sehr häufig sagen wird, äußerst angemessen: dass wir nämlich zu Gott durch Gott kommen, ist viel passender, als kämen wir durch uns selbst zu ihm.

Aus diesen Gründen ist es notwendig, dass es eine Heilige Wissenschaft gibt, also eine Lehre, die sich auf die Offenbarung begründet.

Kommentare:

  1. Klingt fast danach, als sei man seinerzeit beim Vortrag über die Gottesbeweise übers Ziel ein wenig hinausgeschossen ... ;-)

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    1. ;-)

      Da die damalige Zuhörerschaft uniform glaubenslos war, werte ich es trotzdem schonmal als Schritt in die richtige Richtung, wenn dort jemand den "Gott der Philosophen" erkannt hat. ;-)

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