Samstag, 31. Mai 2014

Dinge, die man in Büchern findet

Heiligenbildchen o.ä. finde ich ja öfter, aber das ist neu.
Herzlichen Glückwunsch nachträglich! 

Die Himmelskönigin

Krönungsszene in Santa Maria Maggiore 
Ehrlich gesagt bedauere ich ein wenig, dass Mariä Königin das Muttergottesfest unter dem Titel der Mittlerin aller Gnaden verdrängt hat. Nichtsdestotrotz sind beide Festgeheimnisse eng miteinander verwoben. Aus der 9. Lesung der heutigen Matutin:
Die Königin Maria ist auch die Verteilerin der Gnade, wie es im Buch Esther vorgezeichnet ist, wo geschrieben steht: Die kleine Quelle, die zu einem Fluss heranwuchs und zu einem Licht und zur Sonne verwandelt wurde. Die Jungfrau Maria wird in der Gestalt Esthers mit dem Ausströmen einer Quelle und dem Ausströmen von Licht verglichen, und das wegen der Ausstreuung der Gnade für zwei Zwecke, für die Tätigkeit und die Beschauung. Denn die Gnade Gottes, die eine Arznei für das Menschengeschlecht ist, kam durch sie zu uns wie durch ein Aquädukt, nicht als ihr Ursprung, sondern durch ihren Verdienst. Durch ebendiesen Verdienst ist die Jungfrau Maria die hervorragendste Königin für ihr Volk: sie erlangt Vergebung, überwindet Zank, verteilt Gnade und führt das Volk so zur Herrlichkeit. (Bonaventura, Sermo de regia dignitate Beatae Mariae Virginis)

Donnerstag, 29. Mai 2014

Der Mystische Leib und Christi Himmelfahrt

"Christi Himmelfahrt ist auch unsere eigene, auf der Herrlichkeit des Hauptes ruht die Hoffnung des Leibes. An diesem heiligen Tag haben wir nicht nur das Versprechen auf die Besitznahme der ewigen Glorie erhalten, sondern wir sind bereits mit Jesus Christus in die himmlischen Höhen eingegangen. [...]
Jene, die der giftige Feind aus der Glückseligkeit ihres ursprünglichen Wohnsitzes vertrieb, hat Gottes Sohn sich einverleibt und zur Rechten des Vaters gesetzt, mit dem er lebt und waltet in der Einheit des Heiligen Geistes als Gott in alle Ewigkeit." 
(Leo der Große, Sermo LXXIII. 1. Predigt über die Himmelfahrt des Herrn)

Mittwoch, 28. Mai 2014

Die Engel beben

Einen Himmelfahrts-Hymnus der Benediktiner habe ich bereits früher eingestellt. Die Karmeliten und Dominikaner singen heute zur 1. Vesper Aeterne Rex altissime (hier von Giovanni Vianini vorgetragen). Edith Stein übersetzt uns die Hymne:

Du höchster Herr von Ewigkeit,
Erlöser Du der Gläubigen:
Durch den der Tod in nichts vergeht,
Der uns der Gnade Glanz verleiht.

Da zu des Vaters Rechten Er
Den Thron besteigt, wird ihm zuteil
Die Allgewalt im Himmelreich,
Die er auf Erden nicht besaß,

Auf daß des Weltraums dreifach Reich,
Des Himmels und der Erde Bau
Der Unterirdischen dunkles Land,
In Staub geworfen beug’ das Knie.

Die Engel beben, daß sie sehn
Der Menschen Los in Wechsel falln:
Schuld bringt das Fleisch, Schuld nimmt das Fleisch,
Es herrscht der Gott, der Gott im Fleisch.

Du sollst uns Freud’ und Wonne sein,
der uns als Lohn verheißen ist:
In Dir sei unsere Herrlichkeit
In allen Zeiten Ewigkeit.

Dir, Herr, sei Ehr und Herrlichkeit,
Der über die Gestirne steigt,
Dem Vater und dem Hl. Geist
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Spruch des Tages I

Eigentlich gehen mir diese weisen Sprüche, wie man sie manchmal in den Tageszeitungen liest, ziemlich auf den Senkel. Nicht selten entstellt das Herausschneiden eines Satzes den eigentlichen Sinn, es hat was von Rosinenpickerei und man kann sagen: "Ach, wie schön!", den Spruch ausschneiden und an den Kühlschrank heften oder für die nächste Glückwunschkarte merken. Das war es dann auch schon.
Natürlich muss man aber nicht zwangsläufig diesen Mängeln anheimfallen. Und ich hoffe, ich tue das bei meinen Zitaten auch nicht. Heute ist mir mal wieder ganz besonders eine Passage beim Thomasleser (vielleicht wird ihn ein zukünftiger Meister in seinen Werken den Lector nennen, wie Aristoteles Philosophus oder Petrus Lombardus Magister Sententiarum genannt wird) ins Auge gefallen.
"Der heilige Thomas zählt zu den besonders großen Wohltaten, die man einem Menschen antun kann, ihn aus dem Irrtum zur Wahrheit zu führen. Das ist ein Satz, den jeder Muslim sofort unterschreiben würde und jeder zweite Christ unserer Tage wie eine heiße Kartoffel lieber zu Boden fallen ließe."
Und noch etwas ganz anderes, um den Anschein der dunkelkatholischen Einseitigkeit zu vermeiden:
"Wir müssen vor allem in gewisser Weise aufhören zu sein, was wir sind, und dieses Geschehen ist der Anfang vom Heiligwerden."
Das ist das alte Gebet der frühesten Heiligen und Einsiedler, die vielleicht noch kein Brevier oder Andachtsbüchlein hatten. Ihr Psalter lautete: "Christus muss wachsen, ich aber weniger werden."
Wie das Heiligwerden funktioniert, das beschreibt der Autor in seinem nächsten Beitrag:
"Die christliche Heilung und Heiligung macht aus Wölfen zwar keine Schafe. Sie zieht niemandem sein Fell über die Ohren und schon gar keine Zähne. Sie macht aber die Wölfe dem starken Lamm Gottes ähnlich, und das von der tiefsten Wurzel des Seins und Wollens her. Die Kirche spricht in den Sakramenten von einer wurzeltiefen und sanften Berührung durch Gottes Wirken, direkt im Herzen und schon auf Erden. In den Sakramenten geschieht eine einzigartige Begegnung mit dem direkten Handeln Gottes auf Erden, an uns." 
Jetzt ist das Ganze doch mehr als ein Spruch geworden. Aber sei's drum, vielleicht auch besser so! Wer mehr wissen will, der lese drüben weiter.

Dienstag, 27. Mai 2014

Die Litanei der Bittage

Die Litanei erhält uns einen antiken Gebetstypus, mit dem die Nachtvigil geschlossen wurde und als Übergang zur Opferfeier diente. Der älteste Teil folgt nach der Anrufung der Heiligen und mag aus dem 3. Jahrhundert stammen. Die Heiligenanrufung selbst wurde im Mittelalter hinzugefügt und orientierte sich an den heiligen Märtyrern, die in Rom besonders verehrt wurden. Andere Kirchen hatten zwischenzeitlich eigene Heiligenlitaneien, früher oder später setzte sich aber der römische Brauch durch.

Kyrie, eléison
Christe, eléison
Kyne, eléison
ChrIste, audi nos
Christe, exáudi nos

Pater de caelis Deus, miserére nobis
Fili, Redémptor mundi, Deus, miserére nobis
Spíritus Sancte, Deus, miserére nobis
Sancta Trínitas, unus Deus, miserére nobis


In Erinnerung an die alten siebenfältigen Litaneien (des Klerus, der Laien, Mönche, Jungfrauen, Matronen, Witwen und Kinder) werden die Anrufungen bis heute zwei Mal gesungen, einmal von den Kantoren und dann zusammen mit dem Volk.

Sancta Maria, ora pro nobis 
Sancta Dei Génitrix, ora pro nobis
Sancta Virgo vírginum, ora pro nobis
Sancte Michael, ora pro nobis
Sancte Gabriel, ora pro nobis
Sancte Raphael, ora pro nobis

In den Schriften der frühen Kirchenväter finden sich zwar Namen anderer Engel aus der jüdischen Tradition, diese wurden aber von der römischen Kirche stets als apokryphisch betrachtet und ignoriert.

Omnes sancti Angeli et Archangeli, orate pro nobis
Omnes sancti beatorum Spiritum ordines, orate pro nobis
Sancte Josph, ora pro nobis
Omnes sancti Patriarchae et Prophetae, orate pro nobis


Darauf folgt das Gedächtnis der Apostel nach der Reihenfolge des Römischen Messkanons.

Sancte Petre, ora pro nobis
Sancte Paule, ora pro nobis
Sancte Andrea, ora pro nobis
Sancte Iacobe, ora pro nobis
Sancte Ioannes, ora pro nobis
Sancte Thoma, ora pro nobis
Sancte Philippe, ora pro nobis
Sancte Bartholomaee, ora pro nobis
Sancte Matthaee, ora pro nobis
Sancte Simon, ora pro nobis
Sancte Thadaee, ora pro nobis
Sancte Matthia, ora pro nobis


Barnabas steht als Apostel und Begleiter des hl. Paulus vor den beiden Evangelisten Lukas und Markus. Im Gebet Nobis quoque peccatoribus nach der Wandlung wird er ebenfalls direkt nach Stephanus und Matthäus erwähnt, Lukas und Markus fehlen. 

Sancte Barnaba, ora pro nobis
Sancte Luca, ora pro nobis
Sancte Marce, ora pro nobis
Omnes sancti Apostoli et Evangelistae, orate pro nobis
Omes sancti Discipuli Domini, orate pro nobis
Omnes sancti Innocentes orate pro nobis
Sancte Stephane, ora pro nobis
Sancte Laurenti, ora pro nobis
Sancte Vincenti, ora pro nobis



Es folgen die Heiligen, die in Rom besonders verehrt wurden. Fabian übrigens vor allem durch den Umstand, dass er seinen Festtag mit dem hl. Sebastian teilt, der von den Römern besonders geschätzt wurde. Die hl. Gervasius und Protasius verdankten ihre Verehrung besonders der Aufmerksamkeit, die die Entdeckung ihrer Gebeine durch den hl. Ambrosius erregte.

Sancti Fabiane et Sebastiane, orate pro nobis
Sancti Cosma et Damiane, ora pro nobis
Sancte Gervasi et Protasi, orate pro nobis
Omnes sancti Martyres, orate pro nobis



Darauf folgen die heiligen Bekenner, von denen Silvester und Martin als allererste liturgische Ehren erfuhren. Der Kult der Bekenner stellte zunächst eine Erweiterung des Märtyrerkultes dar und galt denen, die Einkerkerung, Exil oder andere Leiden erfahren mussten. 


Sancte Silvester, ora pro nobis
Sancte Gregori, ora pro nobis
Sancte Ambrosi , ora pro nobis
Sancte Augustine, ora pro nobis
Sancte Hieronyme, ora pro nobis
Sancte Martine, ora pro nobis


Der einzige ostkirchliche Heilige in den Römischen Litaneien ist der hl. Nikolaus, dessen Name im Mittelalter hinzugefügt wurde.


Sancte Nicolǽ, ora pro nobis
Omnes sancti Pontifices et confessores, ora prote nobis
Omnes sancti Doctores, orate pro nobis
Sancti Apostoli, ora pro nobis
Sancte Benedicte, ora pro nobis
Sancte Bernarde, ora pro nobis
Sancte Dominice, ora pro nobis
Sancte Francisce, ora pro nobis
Omnes Sancti Sacerdotes et Levitae, orate pro nobis
Omnes sancti Monachi et Eremitae, orate pro nobis
Sancta Maria Magdalena, orate pro nobis


Sancta Agatha, ora pro nobis
Sancta Lucia, ora pro nobis
Sancta Agnes, ora pro nobis
Sancta Caecilia, ora pro nobis
Sancta Catharina, ora pro nobis
Sancta Anastasia, ora pro nobis
Omnes sanctae, virginines et viduae, ora pro nobis
Omnes Sancti et Sanctae Dei, intercedite pro nobis.

Propitius esto, parce nobis Domine.
Propitius esto, exaudi nos Domine.
Ab omni malo, libera nos Domine
Ab omni peccato, libera nos Domine
Ab ira tua, libera nos Domine
A subitanae et improvisa morte, libera nos Domine
Ab insidiis diaboli, libera nos Domine
Ab ira et odio et omni mala voluntate, libera nos Domine
A spiritu fornicationis, libera nos Domine
A fulgure et tempestate, libera nos Domine
A flagello terremotus, libera nos Domine
A peste, fame et bello, libera nos Domine
A morte perpetua, libera nos Domine



Für den Liturgiker ist die folgende Auflistung der Heilsmysterien von besonderer Bedeutung. Es scheint, dass der Text aus der primitiven eucharistischen Anaphora und Anamnesis stammt. In der Anamnesis im Römischen Kanon (Unde et memores) findet die Geburt Christi keine Erwähnung, aber vielleicht stand sie in einem früheren Text da. 

Per mysterium sanctae incarnationis tuae, libera nos Domine
Per adventum tuum, libera nos Domine
Per nativitatem tuam, libera nos Domine
Per baptismum et sanctum ieiunium tuum, libera nos Domine
Per crucem et passionem tuam, libera nos Domine
Per mortem et sepulturam tuam, libera nos Domine
Per sanctum resurrectionem tuam, libera nos Domine
Per admirabilem ascensionem tuam, libera nos Domine
Per adventum Spiritus Sancti Paracliti, libera nos Domine
In die iudicii, libera nos Domine

Peccatores, te rogamus, audi nos
Ut nobis parcas, te rogamus, audi nos
Ut nobis indulgeas, te rogamus, audi nos

Ut ad veram poententiam nos perducere dignersis, te rogamus, audi nos



Die omnes ecclesiasticos ordines, mein Schott übersetzt als "alle Stände der Kirche" bezeichnet hier nicht z.B. die verschiedenen Orden, die es in dieser Zeit sowieso nicht gab, sondern die verschiedenen Weihestufen des Altardienstes. Ein Bischof wird in der Litanei nicht erwähnt - in Rom ist das nämlich ohnehin der Papst, im frühen Mittelalter oft "apostolischer Herr" (der Schott übersetzt "apostolischer Oberhirte) genannt. Dann folgt: "Dass Du die Feinde der heiligen Kirche demütigen wollest". Die Kirche bittet nicht aus einem Rachegedanke oder gar aus Hass, sondern mit der Intention, dass die Feinde der Kirche sich bekehren mögen. Erfolg und irdisches Glück führt aber selten zu einer inneren Umkehr, Demütigung dagegen um so öfter.

Ut Ecclesiam tuam sanctam regere et conservare digneris, te rogamus, audi nos
Ut domum Apostololicum et omnes ecclesiasticos ordines in sancta religione conservare digneris, te rogamus, audi nos
Ut inimicos sanctae Ecclesiae humiliare digneris, te rogamus, audi nos
Ut regibus et principibus christianis pacem et veram concordiam donare digneris, te rogamus, audi nos
Ut cuncto populo christiano pacem et unitatem largiri digneris, te rogamus, audi nos

Ut omnes errantes ad unitatem Ecclesiase revocare, et infideles universos ad Evangelii lumen perducere digneris, te rogamus audi nos

Der "heilige Dienst", von dem die Litanei spricht, ist der alte Term für das priesterliche Amt und erinnert an ein altes Gebet, was von den Konzelebranten nach der Wandlung einst zum Dank gesprochen wurde.


Ut nosmetipsos in tuo sancto servitio confortare et conservare digneris, te rogamus, audi nos

Ut mentes nostras ad coelestia desideria erigas,  te rogamus, audi nos
Ut omnibus benefactoribus nostris sempiterna bona retribuas, 
te rogamus, audi nos
Ut animas nostras, fratrum, propinquorum, et benefactorum nostrorum ab aeterna damnatione eripias, 
te rogamus, audi nos
Ut fructus terrae dare et conservare digneris,
te rogamus, audi nos
Ut omnibus fidelibus defunctis requiem aeternam donare digneris, 
te rogamus, audi nos
Ut nos exaudire digneris,
te rogamus, audi nos
Fili Dei, 
te rogamus, audi nos
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, parce nobis, Domine.
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, exaudi nos, Domine.
Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, miserere nobis.

Christe, audi nos.

Christe, exaudi nos.
Kyrie, eleison.

Christe, eleison.
Kyrie, eleison.
Pater noster, secreto
V. Et ne nos inducas in tentationem.
R. Sed libera nos a malo.


Psalm 70 (lxix) bezeugt die Zeit der Angst und Verzweiflung, in der die ersten Bittage eingeführt wurden.

Deus in adjutorium meum intende: Domine, ad adjuvandum me festina...

Es folgt ein Fürbittgebet, wie es früher auch in der römischen Kirche im Gebrauch war:

V: Salvos fac servos tuos.
R: Deus meus sperantes in te.
V: Esto nobis Domine turris fortitudinis.
R: A facie inimici.
V: Nihil proficiate inimicus in nobis.
R: Et filius iniquitatis non apponat nocere nobis.
V: Domine non secundum peccata nostra facias nobis.
R: Neque secundum iniquitates nostras retribuas nobis.
V: Oremus pro Pontifice nostro N.
R: Dominus conservet eum, et vivificet eum, et beatum faciat eum in terra; et non tradat eum in animam inimicorum eius.
V: Oremus pro benefactoribus nostris.
R: Retribuere dignate Domine omnibus nobis bona facientibus propter nomen tuum vitam aeternam.
V: Oremus pro fidelibus defunctis.
R: Requiem aeternam dona eis Domine: et lux perpetua luceat eis.
V: Requiescant in pace.
R: Amen.


Der hl. Benedikt fordert dazu auf, am Ende des Offiziums der Abwesenden zu gedenken. So auch die Litanei.

V: Pro fratribus nostris absentibus.
R: Salvos fac servos tuos Deus meus sperantes in te.
V: Mitte eis Domine auxilium de sancto.
R: Et de Sion tuere eos.
V: Domine exaudi orationem meam.
R: Et clamor meus ad te veniat.


Darauf folgen die Kirchengebete. Allerdings war in der antiken Kirche Litanei und Prozession kein von der Messe abgetrennter Vorgang. Die Opferfeier begann dann ohne Introitus und Kyrie direkt mit der Kollekte.


Montag, 26. Mai 2014

Show and tell: Breviere

Nachdem ich mich in meinem letzten Beitrag ganz kleinlaut nach den Brevierpräferenzen der Blogozesanen erkundigt habe und Eugenie Roth bereits freundlicherweise darauf geantwortet hat, ist es nach dem alten Prinzip des "ich zeig Dir meins, Du zeigst mir Deins" wohl an der Zeit, meine eigenen Stundenbücher ins Netz zu stellen.
Das einzige komplette Brevier, welches ich noch mein eigen nenne, ist das vierbändige Römische Brevier. Es handelt sich dabei um eine qualitativ sehr hochwertige Reiseausgabe (12°) aus dem Hause Mame zu Tours von 1932 mit dem Diözesananhang für das Bistum Lüttich. Gut, ganz vierbändig ist es nicht, der Sommerband ist ein etwas älteres Brevier, ebenfalls von Mame, mit Anhang für die Assumptionisten. Es ist eigentlich immer schon eine Freude, das geschmeidige Buchleder in die Hand zu nehmen, ein Meisterwerk der Druck- und Bindekunst aufzuschlagen. Damit betet sich's gleich doppelt leicht!

Normalerweise stecken sie sicher verpackt in einer Hülle -
rechts neben den Römern das Officium Parvum 
Da ich aber die Rezitation der Matutin ohnehin sträflich vernachlässige, hat sich ein abgegriffenes Diurnale für den Benediktinerorden aus der Presse von Dessain in Mechelen von 1938 zu meinem Leib- und Magenbrevier gemausert. Ich mag die monastische Psalmordnung und die unveränderten Hymnen sowieso, muss bei dem zerschundenen Buch nicht zu vorsichtig sein . . . und kann mich beim Beten vielleicht auch ein bisschen besser in eine romanische Klosterkirche denken.


Ordens-Diurnale habe ich dann noch ein paar mehr auf Lager. Ein fast unbenutztes Diurnale für den Predigerorden von 1956, eins für die Karmeliten von 1936 und ein Zisterzienser-(Trappisten)-Diurnale von 1894. Man sieht schon, ich sammle mehr, als ich bete. Trotzdem ein ganz herzliches Vergelt's Gott an dieser Stelle für die Spender!


Ein pianisches (Bea-)Brevier aus dem Hause Pustet, wie es glaube ich Andreas besitzt, hatte ich auch mal als Leihgabe. Wenn man aber den Klang des gesungenen gallikanischen Psalters im Ohr hat, den die Kirche mehr als ein Jahrtausend lang sang...dann kann man oder zumindest ich sich nicht so recht daran gewöhnen, auch wenn die Übersetzung hochwertiger sein mag. 


In der Sammlung fehlt mir übrigens noch ein Prämonstratenser-Brevier...*hint*

Die sprechende Bibel: übersetzt von Hamp, Stenzel und Kürzinger

Lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. (Hebr. 4, 12)

Nachdem der Bloggerkollege Andreas von Pro Spe Salutis durch die Blume Bibel-Teilen-Los-Wochos ausgerufen hat, präsentiere ich auch mal kurz die Ausgaben der hl. Schrift, die ich momentan am häufigsten verwende.
Genauso wie bei Andreas hat mein alte-Messe-Molch-Dasein auch nicht dazu geführt, alle Übersetzungen nebst der Allioli auf einem Scheiterhaufen zu verbrennen. Tatsächlich verwende ich schon sehr lange Zeit fast ausschließlich die Ausgabe von Vinzenz Hamp (AT), Meinrad Stenzel (AT) und Josef Kürzinger (NT), auch bekannt als Pattloch-Bibel. Diese Schrift-Ausgabe erfreute sich in der Zeit zwischen Allioli und Herder bzw. Einheitsübersetzung größerer Beliebtheit. Abgesehen von der Erstausgabe des Neuen Testaments 1953 sind alle Auflagen nach den "Grundtexten" übersetzt, die letzte Überarbeitung erfolgte 1975. Ich besitze einen Druck von 1969, dem die sieben Jahre ältere, vorletzte Überarbeitung zugrunde liegt.
Gerne würde ich jetzt die erhabenen Gründe auflisten, wie ich nach langem Stöbern, Vergleich der Übersetzungen mit den Urtexten, Manuskripten und Codices undsoweiterundsofort auf Hamp-Stenzel-Kürzinger gekommen bin. Der erste Grund für meine Vorliebe ist aber ein viel einfacherer: die Ausgabe war einfach da.
In einem gemischtkonfessionellen Haushalt aufgewachsen, war ich schon früh mit mehreren Bibelausgaben konfrontiert. Während die Einheitsübersetzung nach überstandenem Religionsunterricht schnell in die hintersten Ecken des Bücherregals verstaut wurde (vielleicht in Vorausschau auf meine spätere Präferenz der "dunklen Seite"), haben mich in Kindesjahren zuallererst die alten Lutherbibeln fasziniert, mit denen ich mir das Lesen der Frakturschrift angeeignet habe. Als dann später ein größeres Interesse an der Schrift erwuchs, kam für mich Luther nicht mehr in Frage und die EÜ hatte ich ohnehin längst vergessen - ich griff also nach der nächsten Bibel im Regal, und das war die Pattloch. Und seitdem hat sie mich nicht mehr losgelassen.

Wie das demütige Äußere meiner Ausgabe ist auch der Inhalt - einfach, solide. Das Professorentrio übersetzte sehr treu nach dem Urtext und verwarf zahlreiche Archaismen der älteren Bibelversionen. Der Vulgata entnommen sind nur noch die Namen (z.B. Isaias statt Jesaja), was vielleicht das einzig wirklich Ungewohnte nach jahrelang gottesdienstlich verabreichter Einheitsübersetzung darstellt. Hamp-Stenzel-Kürzinger übersetzt einfach, sie polarisiert nicht, richtet sich nicht nach irgendeiner exegetischen Schule, interpretiert oder ökumenisiert nicht. In der manchmal etwas längeren Kommentarspalte kann man sich schon mal ein wenig verheddern, letztlich fand ich sie aber immer mehr nützlich als schädlich.

Ich wollte mir eigentlich auch mal die Allioli-Wintersig anschauen, aber nun steht wahrscheinlich zuallererst Fridolin Stier an. Und um da eine Brücke zu schlagen: Eine Allioli habe ich doch noch hier, das NT nach den Grundtexten neu erarbeitet unter anderem von Eleonore Beck, der Assistentin Fridolin Stiers. Mit den alten Allioli-Ausgaben hat diese Neuerarbeitung allerdings wirklich nur noch den Namen gemeinsam. Frau Beck hat übrigens 2001 auch noch eine Psalmenübertragung nach Stier herausgebracht, die in seinem Nachlass entdeckt wurde.

PS: Wo wir schon bei Bücher-Los-Wochos sind. Mich würde ja auch mal interessieren: Welches Brevier betet ihr?

Samstag, 24. Mai 2014

Hymnus der benediktinischen Familie: Avete Solitudinis


(Vesperhymnus vom Fest Allerheiligen des Benediktinerordens)

Thomaskommentar: Ist die Heilige Wissenschaft eine Wissenschaft? (Ia q. 1 a. 2)

Im letzten Teil der Serie habe ich anhand des ersten Artikels die Methode des hl. Thomas nochmals näher erläutert, aber auch schon einen Ausblick auf die nächste Fragestellung gegeben. Sie beschäftigt sich mit der Theologie als Wissenschaft. Das Problem dabei dürfte für alle recht offensichtlich sein. Während die Wissenschaften von bekannten und evidenten Prinzipien ausgeht, geht die Theologie von Prinzipien des Glaubens aus, die undurchsichtig sind und nicht von allen geteilt werden. Dazu kommt, dass die Wissenschaften von allgemeinen Prinzipien handelt, während die Theologie von Einzeldingen spricht, nämlich Christus, den Apostel, Patriarchen und Propheten. Der Meister antwortet wie folgt:

Die Heilige Wissenschaft, das heißt die Theologie, ist eine Wissenschaft, aber eine Wissenschaft, die einer höheren Wissenschaft im Besitz Gottes und im geringeren Maße im Besitz der Seligen ist. Als Gegenargument führt Thomas Augustinus an, der sagt: "Dieser Wissenschaft wird nur jenes zugeschrieben, wodurch der heilbringendste Glaube [...] erzeugt, verteidigt und gestärkt wird." Dies ist eine beschreibende Definition, die von den Effekten der Heiligen Lehre ausgeht: Durch ihre Apologetik wird der Glaube hervorgebracht, durch die Erklärung der Glaube verteidigt und durch die Ordnung der Lehre wird ihr Wert immer mehr ersichtlich.
Die Schwierigkeit besteht aber nun darin, zu zeigen, dass die Theologie Wissenschaft im engeren Sinne ist. Hier beginnt Thomas' eigentlicher Beweis. Er sagt, es gibt zwei Arten von Wissenschaften, nämlich zum einen die, welche von Prinzipien ausgehen, die dem Intellekt direkt bekannt werden, wie z.B. die Arithmetik oder Geometrie, aber auch jene, die von Prinzipien ausgeht, die durch eine höhere Wissenschaft bekannt sind, z.B. die Optik aus Prinzipien der der Geometrie.

Nun geht die Theologie von Prinzipien aus, die von Gott durch die Offenbarung überliefert werden. Daher ist sie, wie die Optik, eine untergeordnete Wissenschaft, und zwar unter die Wissenschaft Gottes und der Seligen.
Die Prinzipien einer untergeordneten Wissenschaft können auf zwei Wegen bekannt werden. Erstens durch Glaube und ohne Vernunftbeweis, oder aber durch den Erwerb der höheren Wissenschaft, und dann bestehen Beweise aus der Vernunft. Wenn nun der Optiker kein Geometer ist, glaubt er an die Prinzipien der Geometrie und seine Wissenschaft ist eine wirklich untergeordnete Wissenschaft.  Wird der Optiker aber zum Geometer, ist seine optische Wissenschaft nicht nur eine untergeordnete Wissenschaft, sondern eine vollkommene Wissenschaft.
Gleichsam verhält es sich mit dem Theologen, der noch auf der irdischen Pilgerschaft ist. Er glaubt an die Prinzipien, die durch Gott offenbart und von der Kirche vorgestellt werden. Demzufolge ist seine Wissenschaft eine wirklich untergeordnete Wissenschaft, aber keine vollkommene Wissenschaft. Wenn der Theologe aber in den Besitz der Gottesschau gelangt, dann glaubt er nicht mehr nur, sondern er sieht die Prinzipien, die ihm durch Gott übermittelt werden. Dann erst wird die Theologie eine vollkommene Wissenschaft.
Die Theologie ist eine wahre Wissenschaft, da sich ihre Schlüsse auf evidente Prinzipien reduzieren lassen. Wenn diese Reduzierungen nicht zu tatsächlichen Beweisen führen, liegt das nicht an einem Defekt in der Wissenschaft, sondern am Theologen, ähnlich wie der Optiker, der die Geometrie nicht kennt. Auch wenn die Theologie als Wissenschaft auf Erden unvollkommen ist, ist sie deswegen nicht weniger Wissenschaft, genau so wie der Säugling nicht weniger Mensch als der vollkommene Erwachsene ist.

Vielleicht ist hier ein Ausblick auf den 8. Artikel der ersten Frage nützlich, um zu verstehen, wie der Gottgelehrte die Heilige Wissenschaft sieht und was von ihr zu erwarten ist. Hier sagt Thomas, dass die Theologie wie die anderen Wissenschaften nicht argumentiert, um ihre Prinzipien zu beweisen, sondern um etwas anderes in dieser Wissenschaft zu erweisen. Das heißt also, die Theologie beweist nicht ihre Glaubensartikel, sondern sie geht von ihnen aus, um etwas anderes zu erweisen.
Da es aber keine Wissenschaft gibt, die über der Theologie steht, verhält es sich so ähnlich wie mit der Metaphysik, über der es keine andere philosophische Wissenschaft gibt: hier kann der Wissenschaftler nur mit dem diskutieren, der Teile der Prinzipien zugesteht, wenn er aber nichts zugesteht, kann er nur die Argumente auflösen. Der Theologe diskutiert, solange der Gegner etwas einräumt, was durch die Offenbarung bekannt ist. Wenn er aber nichts glaubt, was von Gott offenbart ist, können die Glaubensartikel nicht durch Begründung bewiesen werden, sondern es können nur noch die Gegenargumente (als Scheinargumente) aufgelöst werden.

Viele werden vermutlich mit dieser Argumentation für die Theologie als Wissenschaft nichts anfangen können. Das liegt aber weniger an der Schwäche der Argumente Thomas', sondern vielmehr daran, dass sie eine völlig andere philosophische Grundposition haben, nämlich die Agnostik, die nicht an die Beweiskraft metaphysischer Demonstrationen und diskursiver Schlussfolgerungen glaubt. Vielleicht kann ich ein andermal einen philosophischen Exkurs in diese Richtung schreiben, in den Summenkommentar gehört er aber jedenfalls nicht. Hier gelten die Grundbedingungen, welche im vorigen Absatz stehen.
In der nächsten Folge der Serie bleibe ich noch etwas bei diesem Artikel, denn er hat schon zu Thomas Lebzeiten für viele Diskussionen gesorgt und er hat vor allem eine zeitlose aber momentan besonders dringlich erscheinende Bedeutung für die Theologie.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Mystik für alle

Manchmal kommt mir der Gedanke, wie eitel alles menschliche Streben ist, besonders mein eigenes. Nicht davon ausgenommen ist das Begehren, über hohe und höchste Dinge zu schreiben, vielleicht noch in der Meinung, andere belehren zu können.
In diesen Momenten kommt mir die Nachfolge Christi Thomas von Kempens in den Sinn. Garrigou-Lagrange bezeichnete dieses Werk als einen Weg der Mystik für alle - vielleicht nicht ganz ohne Hintergedanken, denn in seinen Tagen wurde heiß diskutiert, ob alle Seelen zur eingegossen Beschauung berufen sind, was der Dominikanerpater vehement bejaht.

Heute denke ich jedenfalls besonders an das 43. Kapitel aus Buch 3:

Ferner spricht der Herr: "Ich bin es, der den demütigen Geist in einem Augenblick so erhebt, dass er mehr von der ewigen Wahrheit erkennt, als wenn er zehn Jahre lang auf den Schulen studiert hätte. Ich lehre ohne Wortgeräusch, ohne den Wirrwarr der Meinungen, ohne Prunk, ohne den Widerstreit der Beweisgründe. Ich lehre das Irdische verachten, das Vergängliche geringschätzen, das Gegenwärtige hintansetzen, das Ewige zu suchen, das Ewige zu kosten . . . nichts zu suchen außer mir und mich glühend lieben über alles." [...]
Die demütige Erkenntnis deiner selbst führt sicherer zu Gott als das tiefe Grübeln der Wissenschaft. Zu schmähen ist die Wissenschaft oder jedwede schlichte Erkenntnis einer Sache nicht; denn sie ist, an sich betrachtet, gut und von Gott geordnet. Aber vorzuziehen ist gleichwohl ein gutes Gewissen und ein tugendhafter Wandel. Wahrhaft weise ist der, der alle Dinge der Erde wie Unrat betrachtet, um Christus zu gewinnen. Die wahre Wissenschaft besitzt, wer seinem Willen entsagt, um den Willen Gottes zu tun. 

Mittwoch, 21. Mai 2014

Der schwarze Papst tritt zurück

Nein, nicht der!
"Pater Nicolas hinterläßt eine säkularisierte und überalterte Gesellschaft Jesu, die zum Teil gegen die Glaubens- und Morallehre der Kirche rebelliert und der ein schwarzer Morgen bevorsteht.", meldet katholisches.info.
"Der Ordensgründer und erste Jesuitengeneral Ignatius von Loyola hatte einst den Gehorsam gepriesen: 'Was meinen Augen weiß erscheint, halte ich für schwarz, wenn die hierarchische Kirche so entscheidet.' Die deutschen Jesuiten sind zu solcher Schwarz-Weiß-Macherei nicht mehr bereit." Der Spiegel, 40/1968
Um das Farbenspiel fortzusetzen: Nein, im Jesuitenorden wird schon lange nicht mehr zwischen schwarz und weiß unterschieden. Und das längst nicht nur in Deutschland. Mit anderen Orden geht man weniger zimperlich um. Im Rom weiß man vermutlich auch, warum: Die halten sich an den ignatischen Gehorsam und lassen es mit sich machen. Und ich bin sicher, es wird ihnen zur Seligkeit gereichen.

Thomaskommentar: Ist die Heilige Wissenschaft notwendig - Fortsetzung

In meinem letzten Beitrag zu Thomas ging es um seine Methode und auch schon um den allerersten Artikel der Summa Theologiae. Anhand das vorgelegten Beispiels möchte ich zunächst noch einmal die Methode näher betrachten.
Der hl. Thomas beweist alle seine Aussagen logisch. Er formuliert seine Sätze nicht einfach, wie es ihm gerade passt, wie ich das hier zum Beispiel tue. Thomas beginnt stets mit dem, was mehr bekannt ist, und kommt dann Schrittweise zu seinem Schluss. Er geht nicht von einem Punkt aus und springt zu einer entfernten Schlussfolgerung, solange nicht alle unmittelbaren Schlüsse sicher bekannt sind. In der Analyse untersucht Thomas zunächst vorsichtig die Teile, bevor er einen Schluss über das Ganze zieht.
In der Synthese geht er vom Universelleren aus und steigt dann "hinab", z.B. von den Ursachen zu den Effekten. Gleichzeitig geht er dabei von Prinzipien aus, die entweder offenbart oder unmittelbar erkennbar sind oder aber aus der Erfahrung und der Definition des betrachteten Dinges hervorgehen.
Demnach ist auch Thomas' Summa geordnet. Er behandelt erst Gottes Existenz und Natur, dann Seine Attribute, dann die drei Personen, dann Gottes äußere Tätigkeiten usw. Der Gottgelehrte ist damit der erste, der derart didaktisch vorgeht und übertrifft damit die vorhergehenden Meister nicht nur inhaltlich, sondern auch im Aufbau seines Werkes. 
Ein großer Theologe aus dem Predigerorden hat gesagt, dass nur durch diese Methode der Höhepunkt, die zentrale Wahrheit der christlichen Philosophie erreicht werden konnte, nämlich dass Gottes Sein und Gottes Wesen identisch sind. Der Thomasleser hat hier etwas darüber geschrieben.

Im Artikel 1 konnte man sehen, welche unterschiedlichen Argumente Thomas heranführt. Er sagt, der Mensch müsse sein Ende kennen, damit er danach entsprechend handeln kann, doch nach der Offenbarung ist der Mensch für ein übernatürliches Ende geschaffen, daher ist es notwendig, dass ihm dieses übernatürliche Ende durch göttliche Offenbarung bekannt gemacht wird. Dies ist ein Argument der physischen Notwendigkeit: Nichts kann gewollt werden, wenn es nicht bekannt ist. Ein weiteres Beispiel für eine physische Notwendigkeit wäre, dass der Mensch essen muss, um sein Leben zu erhalten.
In seinem zweiten Punkt sagt Thomas, dass die Offenbarung gewisser Wahrheiten notwendig ist, da sie ansonsten kaum jemand erlangen wird. Hier handelt es sich um Argument der moralischen Notwendigkeit, man könnte auch sagen, es ist gut oder vorteilhaft, dass es so ist. Ein Beispiel hierfür wäre, dass es für die Überwindung einer langen Strecke von Vorteil ist, ein Auto zu haben. Bevor man aber zu diesen beiden Unterarten der Notwendigkeit kommt, würde Thomas zunächst eine weitere Unterscheidung treffen, nämlich zwischen der absoluten Notwendigkeit und der hypothetischen Notwendigkeit (zu der die beiden oben genannten gehören). Absolut notwendig ist etwas, wenn es sich durch die Natur einer Sache selbst ergibt, so ist es z.B. notwendig, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Tier ist. Von der Heiligen Wissenschaft kann man das aber nicht sagen, sie ist nicht aus sich selbst heraus notwendig.

Im zweiten Artikel der ersten Frage des ersten Teils der Summa Theologiae stellt Thomas die Frage, ob die Heilige Wissenschaft überhaupt eine Wissenschaft ist. Hier umreißt der Meister schärfer, was die Heilige Wissenschaft sein soll, nämlich eine wissenschaftliche Disziplin, die Theologie. Das passt sehr gut zu dem Vorgehen, was weiter oben beschrieben wurde. Zunächst steht eine unklare Nominaldefinition, dann wird auf zahlreichen Schritten unterschieden, bis die Realdefinition erreicht ist. Um das genauer zu erklären, ziehe ich noch einmal das Beispiel des Menschen heran.

Man startet mit dem Konzept, dass der Mensch Sein hat, dass er Leben hat, Sinne hat, schließlich, dass er vernunftbegabt ist. Dieser Prozess wird durch empirische Untersuchung der menschlichen Charakteristika erreicht. Die Nominalisten haben gesagt, der Mensch sei ein sprechendes Tier. Aber mit dem Sprechen benennen sie nur eine Eigenschaft des Menschen, denn das Sprechen setzt das Wissen voraus, also die Vernunftbegabung. Wie in diesem graphisch dargestellten Beispiel, durch aufsteigende und absteigende Definitionen und Unterscheidungen, erreicht Thomas ganz bestimmte Konzepte.

Damit dieser Beitrag nicht zu lang wird, setze ich den Kommentar des zweiten Artikels ein andermal fort.


Montag, 19. Mai 2014

Ein Papst und ein Heiliger - Cölestin V.

Pietro di Murrone wurde 1215 in der napolitansichen Provinz Moline in armen Verhältnissen geboren und trat mit 17 Jahren den Benediktinern bei. Den heil. Täufer als Vorbild, suchte er die Einsamkeit in den abruzzischen Bergen. Sein härenes Hemd zierten zur zusätzlichen Kasteiung zahlreiche Knoten; an seinem abgemagerten Körper trug er einen schweren Bußgürtel, er fastete jeden Tag außer Sonntag, er hielt vier Fastenzeiten, in drei von ihnen nahm er nur Brot und Wasser zu sich, den ganzen Tag und einen großen Teil der Nacht verbrachte er mit Gebet und Arbeit. Wie bei vielen heiligen Eremiten war seine Einsamkeit nur von kurzer Dauer. Gleichgesinnte sammelten sich, um seiner Lebensweise nachzufolgen. Bis zu seinem Tod sollte es 36 Cölestinerkloster geben, deren Regel als Zweig der Benediktiner im Jahr 1264 bestätigt wurde. 1284 aber übergab Pietro die Regierung seines Ordens und machte sich erneut in die Wildnis auf.

Seine frommen Übungen wurden im Juli des Jahres 1294 plötzlich durch drei Würdenträger und eine große Menge Ordensmänner und Laien gestört - sie verkündeten, dass Pietro einhellig vom vom Kardinalskollegium zum Papst gewählt wurde. Im Vorfeld herrschte über zwei Jahre Vakanz, die Ghibellinen und Guelfen konnten sich nicht auf einen Nachfolger auf dem Stuhle Petri einigen. Ein Kardinal Latino aus der berühmten Familie der Orsini wies die Väter des Konklaves zurecht, indem er sagte, einem heiligen Eremiten wäre offenbart worden, dass Gott die Kirche streng züchtigen werde, wenn in den nächsten vier Monaten kein Papst gewählt wird. Jeder wusste, dass dieser Eremit Pietro di Murrone sein muss. Das Konklave ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und wählte den Heiligen.
Pietro empfing die Nachricht seiner Wahl mit Tränen, nahm sie aber nach einem kurzen Gebet an, denn es schien der Wille Gottes zu sein, dass er seine eigenen Neigungen auf dem Altar des öffentlichen Wohls aufopfert. Besonders die in jener Zeit verbreitete spiritualistische Strömung begrüßte seine Wahl. Die Anhänger Joachim von Fiores betrachteten ihn als ersten legitimen Papst seit der konstantinischen Schenkung an den "ersten reichen Vater".
Die Könige Neapels und Ungarns reisten sofort heran, um dem neugewählten Papst ihre Huldigungen darzubringen. Durch die Einflüsterung König Karls von Neapel berief Pietro das Kardinalskollegium nach Aquila. Er selbst erreichte die Stadt demütig auf einem Esel reitend, der von den beiden Königen geführt wurde. König Karl ordnete die sofortige Krönung Pietros an, obwohl erst drei Kardinäle eingetroffen waren. Die Zeremonie musste daher einige Tage später wiederholt werden, die einzige päpstliche Doppelkrönung der Geschichte. Pietro, der den Namen Cölestin annahm, stand weiterhin unter dem Einfluss des neapolitanischen Königs und berief die gesamte Kurie nach Neapel, anstatt sich selber in den Kirchenstaat zu begeben.
Es ist erstaunlich, wie viele Fehler der einfache alte Mann in den wenigen Monaten seiner Herrschaft machen konnte. Eine volle Liste seiner Amtshandlungen ist nicht überliefert, da sie allesamt von seinem Nachfolger annulliert wurden. So kreierte er zwölf Kardinäle (um die Apostelzahl zu bewahren), davon sieben Franzosen, der Rest Neapolitaner - und legte damit den Grundstein für das Große Abendländische Schisma. Es wird gesagt, er habe einen jungen Sohn König Karls zum Erzbischof von Lyon erhoben, wenn das der Fall ist, ist diese Ernennung dort aber nie angekommen. Auf dem Weg nach Neapel machte Cölestin bei den Benediktinern von Monte Cassino Halt und wollte ihnen seine Ordensregel aufzwingen. Sie gaben dem nach, solange er bei ihnen war, kehrten aber nach seiner Abreise sofort wieder zu ihrer alten Regel zurück. In Benevent ernannte er den Bischof zum Kardinal, ohne die traditionellen Formalitäten einzuhalten. Währenddessen verteilte er Privilegien und Ämter mit freigiebiger Hand. Da er niemandem Nein sagen konnte, gewährte er manche Stellen oder Benefizien oft drei oder vier Bewerbern; manchmal stellte er sogar Blankovollmachten aus. Als Folge fielen die Geschäfte der Kurie in größte Unordnung.
In Neapel wohnte er zunächst in einer kleinen Wohnung und ließ dann eine Mönchszelle bauen, die seiner Hütte in den Abruzzen glich. Trotzdem war er sehr beunruhigt, die Amtsgeschäfte verschlangen die Zeit, die für seine Frömmigkeitsübungen bestimmt war. Er fürchtete um sein Seelenheil.
Der Gedanke an die Abdankung schien ihm und den unzufriedenen Kardinälen, die er selten um Rat fragte, gleichzeitig zu kommen.
Als bekannt wurde, dass der Papst eine Abdankung in Betracht zieht, löste das in Neapel einen großen Sturm der Entrüstung aus. Tausende strömten an seinen Wohnsitz und flehten ihn an, sein Amt nicht aufzugeben. Seine Entscheidung stand aber schließlich fest und er legte die Dreifachkrone nieder. Nur zehn Tage später war ein Nachfolger gewählt, Bonifatius VIII. Der brachte Pietro mit sich nach Rom und hielt ihn unter Arrest, der ehemalige Mönchspapst aber sehnte sich nach seiner Zelle in den Abruzzen und floh zu seinen Brüdern. Bonifatius befahl seine Gefangennahme, jedoch konnte sich Pietro dem Zugriff seiner Häscher monatelang in der Wildnis der Berge entziehen. Als er nach Griechenland übersetzen wollte, wurde er aber schließlich doch gefasst.
Unter strenger Bewachung verbrachte der 81-Jährige seine letzten neun Lebensmonate betend und fastend. 1313 wurde er von Klemens V. heiliggesprochen und seine Gebeine nach Aquila überführt.
(aus dem Eintrag in der Catholic Encyclopedia, in freier Übersetzung)

Wenn der heilige Cölestin schon auf Erden keine Bitten abschlagen konnte, wie viel mehr dann noch im Himmel. Heiliger Petrus Cölestinus, bitt' für uns!

Kirchengebet
O Gott, Du erhobest den hl. Petrus Cölestinus zur Höhe der päpstlichen Würde und lehrtest ihn, sie geringer zu werten als die Demut; so gib denn in Deiner Gnade, dass wir nach seinem Beispiel alles in der Welt gering achten, um so glücklich den Lohn zu erlangen, der den Demütigen verheißen ist.


Sonntag, 18. Mai 2014

Schönheit

Schön von Antlitz,
viel schöner aber noch ist Dein Glaube!
Selig bist Du, o N., der Welt entsagend
wirst Du mit den Engeln frohlocken. 

(aus einem alten Responsorium für die Gottesmutter, heilige Märtyrerinnen, heilige Jungfrauen und heilige Frauen) 

Die Mittlerschaft Mariens

Verkündigungsszene
Pfarrkirche St. Hubertus in Rennerod
Dass niemand zur Vereinigung mit Gott gelangen kann, ohne sich an den Herrn zu wenden, der "der Weg, die Wahrheit und das Leben" ist, wird kaum ein Christgläubiger bestreiten. Sagt man aber, dass niemand zum Herrn gehen kann, ohne sich dabei an Maria zu wenden, weht einem wahrscheinlich manchmal schon ein strammer Wind entgegen - und das leider auch nicht selten von Katholiken. Sie möchten zwar eine gewisse Andacht zur Gottesmutter nicht in Frage stellen, erkennen aber trotzdem nicht genug die Notwendigkeit, sich an Maria zu wenden, um zur Vertraulichkeit mit dem Heiland zu gelangen. Der hl. Louis Grignion de Montfort, den die Kirche uns vor allem als Kirchenlehrer der Marienfrömmigkeit vorgestellt hat, schreibt sogar von "Lehrern, die die Mutter Gottes nur auf eine spekulative, dürre, unfruchtbare und gleichgültige Weise kennen, - die befürchten, man gerate bei der Verehrung der allerseligsten Jungfrau in Missbräuche, man begehe ein Unrecht gegen unseren Herrn, indem man seine heilige Mutter zu sehr ehre. Wenn sie von der Verehrung Mariens sprechen, tun sie es weniger, um sie zu empfehlen, als um dabei die vorkommenden Missbräuche zu beseitigen."
Diese Lehrer, von denen der hl. Ludwig spricht, scheinen zu glauben, Maria sei ein Hindernis auf dem Wege der Vereinigung mit Gott. Es liegt, sagt der Heilige, ein Mangel an Demut darin, die Mittler, die Gott uns wegen unserer Schwäche gegeben hat, außer Acht zu lassen. Die Vertraulichkeit mit unserem Herrn im Gebete aber wird uns sehr erleichtert durch eine wahre, tiefe Andacht zu Maria.

Nun könnte man einiges dazu schreiben, was man unter einem Mittler versteht und inwiefern Maria Mittlerin ist. Das vielleicht ein andermal. Für diesen Beitrag soll genügen, dass aus der Lehre der Kirche, der Heiligen und Theologen klar hervorgeht, dass die Gottesmutter Mittlerin durch ihre Mitwirkung beim Kreuzesopfer ist und uns alle Gnaden erlangt und mit uns teilt.
Dazu zwei Zitate aus lehramtlichen Dokumenten, die mich gerade bei einem schnellen Durchblick besonders beeindruckt haben.

"So hat sie mit dem leidenden und sterbenden Sohne gelitten und ist fast mitgestorben, so hat sie den mütterlichen Rechten auf den Sohn für das Heil der Menschen entsagt und hat zur Versöhnung der göttlichen Gerechtigkeit Gottes, soweit es ihr oblag, den Sohn geopfert, dass man mit Recht sagen kann, sie habe mit Christus das Menschengeschlecht erlöst." (Benedikt XV., AAS 10 [1918] 181)
"Nach dem Willen Gottes wird uns alles nur durch Maria gewährt, und wie niemand zum Vater gelangen kann, außer durch den Sohn, so kann im allgemeinen niemand zu Christus gelangen außer durch Maria." (Leo XIII., Enzykl. Octobri mense, 1891) 

Es würde nicht schwer fallen, eine ganzes Arsenal von Heiligenzitaten aufzustellen, um diese Lehre zu untermauern. Aus dem frühesten Mund der Kirche, der hl. Irenäus, der die Kirchen Asiens, Roms und Galliens vertritt: "Wie Eva, durch die Rede des (bösen) Engels verführt, sich von Gott wandte und sich von Seinem Worte abwandte, so hörte Maria vom Engel die gute Botschaft der Wahrheit; sie trug Gott in ihrem Schoße, weil sie Seinem Worte gehorcht hatte . . . das Menschengeschlecht, das durch eine Jungfrau gebunden war, wurde durch eine Jungfrau befreit . . . die Klugheit der Schlange weicht der Einfalt der Taube; die Bande, die uns im Tode fesselten*, sind gelöst."
Und aus dieser Parallele zwischen Eva und der Gottesmutter zieht der hl. Ephräm den Schluss, dass Maria "die Mittlerin der ganzen Welt" ist, und dass wir durch sie alle geistlichen Güter erlangen. So auch der hl. Germanus von Konstantinopel: "Niemand wird gerettet außer durch dich, o Heiligste; niemand wird vom Bösen befreit als durch dich, o Unbefleckteste; niemand empfängt die Gaben Gottes als durch dich, o Reinste." Natürlich schließt sich dem der große Marienverehrer Bernhard von Clairvaux an und ist damit womöglich Vorbild für den zitierten Abschnitt aus Leos Rosenkranzenzyklika: "So ist es der Wille Gottes, dass wir alles durch Maria haben."

Befolgen wir also den Ratschlag des hl. Ludwigs und fürchten uns nicht, die Gottesmutter "zu sehr" zu verehren. Es ist nicht der Glaube an den Heiland, der uns von der Marienfrömmigkeit abhält, sondern unser Hochmut, solch eine große Mittlerin zu verschmähen, die Christus selbst uns gegeben hat, durch die Christus selbst zu uns gekommen ist.


* Von diesem Bande spricht auch der Hymnus Ave maris stella, der die Mittlerschaft Mariens so eindrucksvoll besingt, dass die Jansenisten in ihrer falschen Empörung folgende Verse umänderten: "Lös der Schuldner Ketten /mach die Blinden sehend / allem Übel wehre / jeglich Gut erwirke."

Samstag, 17. Mai 2014

Jeder, der in diesem Habit stirbt, wird gerettet werden

Da der gestrige Tag ganz unter dem Zeichen des hl. Johannes Nepomuk stand, habe ich einen anderen Heiligen ganz vergessen, dessen Gedächtnis wir am gleichen Tag begehen: den hl. Simon Stock aus dem Karmelitenorden.
Als sechster General des Ordens erwarb sich der Engländer große Verdienste in der Verteidigung und Verbreitung der Karmelitengemeinschaft in Europa. Bekannter als er selbst sind vielleicht die von ihm komponierten Hymnen Flos Carmeli und Ave Stella Matutina*. Noch bekannter aber dürfte das Skapulier sein, welches er nach der Überlieferung aus den Händen der Gottesmutter mit folgendem Versprechen überreicht bekam: "Dies sei das Vorrecht für dich und für alle Karmeliten: jeder, der in diesem Habit stirbt, wird gerettet werden." Die Braut des Lammes hat darüber vor einiger Zeit einen sehr informativen Beitrag geschrieben.

O Gott, Du hast durch die Gebete und Verdienste deines seligen Bekenners Simon den Orden vom Berge Karmel mit einem einzigartigen Privileg durch die Hände der Mutter Deines Sohnes unseres Herrn Jesus Christus geschmückt: gib, dass wir durch seine Fürsprache zu der Herrlichkeit gelangen können, die Du für jene vorbereitet hast, die Dich lieben.
(Kirchengebet vom Fest aus dem Brevier der Beschuhten Karmeliten) 

Eine kleine Erinnerung zwei Monate vor dem Skapulierfest für die, die möglicherweise auch gerne das Skapulier Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel tragen möchten.


* Seine Benedictusantiphon im gleichen Ordensbrevier beginnt wie folgt: Der selige Simon leuchtete in seinen Tagen wie der Morgenstern (stella matutina) ..."

Donnerstag, 15. Mai 2014

Buddhistische Lebensweisheiten, oder: ein Argument für den Zölibat

Die FAZ berichtet über den jüngsten Besuch des Dalai Lamas in Deutschland:

"[K]ein Vertrauen ohne Furchtlosigkeit, kein äußerer Friede ohne inneren, kein Mitgefühl ohne Selbstachtung. Und dass Reichtum nicht glücklich mache, das, so sagte der Dalai Lama, habe er zum Beispiel mal im Haus eines amerikanischen Paares gesehen, wo er, neugierig wie er ist, im Badschrank Beruhigungspillen gefunden habe."

Abgesehen davon, dass ich gelernt habe, den Dalai Lama vielleicht nicht unbeaufsichtigt in meine Wohnung zu lassen, nichts Neues unter der tibetischen Sonne, dafür aber bestes Abreißkalendersprüchematerial. Mit einem Ratschlag hatte man aber anscheinend nicht gerechnet:

"Nur einmal musste man schlucken, als ein junger Mann ans Mikrofon ging, davon erzählte, dass er durch einen Autounfall sein Kind verloren habe und den Dalai Lama um Rat ersuchte. Der antwortete mit einem Witz: Man sollte wie er Mönch sein, dann habe man gar keine Kinder."

Das darauf noch keiner gekommen ist!

Mittwoch, 14. Mai 2014

Rosenkranzbitten

Ein guter Freund und Anhänger der geistlichen Doktrin des hl. Louis-Marie de Montfort hat mir kürzlich als Hilfe in einer bestimmten Sache den Rat gegeben, die Geheimnisse des Rosenkranzes ganz besonders in unten aufgeführten Anliegen zu beten, um im innerlichen Leben größere Vollkommenheit zu erlangen. Da dieser geistliche Ratschlag bestimmt nicht nur mir nützlich ist, möchte ich ihn hier veröffentlichen:

Die freudenreichen Geheimnisse:
Verkündigung - Demut und Selbstaufgabe
Heimsuchung - Gnaden des innerlichen Lebens durch das Patronat der Seligen Jungfrau Maria
Geburt - Loslösung von sich selbst und allen geschaffenen Dingen
Aufopferung - Frömmigkeit und Andacht
Auffindung - Beharrlichkeit im innerlichen Leben

Die schmerzhaften Geheimnisse:
Todespein - Gebet und Gleichförmigkeit zum göttlichen Willen
Geißelung - Äußerliche Abtötung
Dornenkrönung - Innerliche Abtötung
Kreuzweg - Einheit mit Christus in allen Sorgen
Kreuzigung - Göttliche Liebe als absolutes Lebensprinzip

Die glorreichen Geheimnisse:
Wiederauferstehung - Streben nach Vollkommenheit
Himmelfahrt - Verlangen nach dem Himmel
Pfingsten - Horchen auf die Gaben und Früchte des Heiligen Geistes
Aufnahme Mariens - Nachahmung der Seligen Jungfrau Maria
Krönung Mariens - Kindliches Vertrauen auf die Selige Jungfrau Maria als bester Weg, um Christus zu erlangen

Thomaskommentar: Ob eine Heilige Wissenschaft notwendig ist (Ia q. 1 a. 1)



Bevor man Thomas kommentiert, könnte man zuerst einiges über seine Arbeitsweise sagen. Johannes Roger Hanses hat das, im besonderen Bezug auf die Summa contra Gentiles, im Ansatz hier und hier getan. Thomas' bekanntestes Werk, die Summa Theologiae, unterscheidet sich etwas davon, hier geht der große Lehrer strenger gemäß der scholastischen Methode seiner Zeit vor. Heute sagen viele, diese Methode sei gar nicht wissenschaftlich und hätte daher wenig Wert. Dabei bediente sich Thomas eigentlich einem methodischen Zweifel, den er aus den Schriften des Aristoteles erlernt hat. Er möchte immer zunächst klären, worum es sich in einer Frage überhaupt dreht. Zu diesem Zweck stellt er die Gegensätze zwischen These und Antithese dar, um dem Leser ganz genau bewusst zu machen, welcher Art von Problem behandelt werden soll. Dann erst geht es zur Lösung mit einer überlegenen Synthese.
Wenn das jetzt jemanden an die viel moderner klingenden Philosophen Descartes und Hegel erinnert, liegt er nicht ganz falsch. Und vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass die Werke des Aquinaten nicht nur eine historische Qualität haben, sondern uns noch heute in den Fragen der Philosophie und Theologie eine große Stütze sein können. 
Ein andermal mehr über die Methode des Dominikaners. Ich möchte ziemlich direkt ins Eingemachte gehen, denn genau so habe ich Thomas auch kennengelernt, ohne erst die ganze Peripherie genauestens zu studieren.

In der ersten Frage des ersten Teils der Summa Theologiae fragt Thomas nach der Heiligen Wissenschaft, wir würden sie im heutigen Sprachgebrauch vielleicht eher Theologie nennen, nach ihrer Bestimmung und ihrem Gegenstand. Da der Aquinate seiner eigenen Methode treu bleibt, muss er eigentlich so anfangen. Wenn er ein theologisches Werk schreibt, ist für ihn zuallererst der Bereich abzustecken, den die Theologie überhaupt behandeln kann. Thomas schreibt erst von einer sehr allgemeinen Vorstellung der Heiligen Wissenschaft und wird in den zehn Artikeln der ersten Frage immer genauer. So fragt er zunächst, ob es überhaupt nötig ist, eine Heilige Wissenschaft zu haben; dann, ob man sie überhaupt Wissenschaft nennen kann und was ihr Gegenstand ist, also, was sie untersucht, wie etwa die Biologie die Gesamtheit der Lebewesen zu ihrem Gegenstand hat. Zuletzt fragt Thomas, wie die Heilige Wissenschaft vorgeht bzw. überhaupt vorgehen darf. 

Man könnte sagen, dass es nicht notwendig ist, eine Lehre zusätzlich zur Philosophie zu haben, denn sogar die hl. Schrift sagt, der Mensch solle nicht erforschen, was über seine Vernunft hinausgeht. Mit allen Gegenständen der Vernunft beschäftigt sich aber ja schon die Philosophie. Die Wissenschaft beschäftigt sich nur mit Dingen, die existieren, denn ansonsten könnte man über sie keine vernünftige Aussage treffen. Und auch hier ist die Philosophie schon da und behandelt alles, was existiert, sie redet sogar von Gott. Um so überflüssiger wäre also eine Heilige Wissenschaft. 

Nachdem ich mal einen Vortrag über die fünf Gottesbeweise Thomas von Aquins gehalten habe, fragte mich jemand, wozu dann überhaupt noch die Offenbarung notwendig sei, wenn Gott sozusagen schon philosophisch zu erkennen ist. Ich konnte mit Thomas antworten, dass die Wahrheiten über Gott, wie sie durch den Vernunftgebrauch allein zu erkennen sind, tatsächlich nur von wenigen nach sehr langer Zeit und mit vielen Fehlern vermischt erreicht werden. Aber mehr noch: Gott übersteigt bei weitem die Fassungskraft des Menschen. 
Thomas schreibt, der Mensch ist auf Gott als sein Ziel hingeordnet. Das hört sich für uns vielleicht etwas befremdlich an. Wie Aristoteles geht Thomas davon aus, dass alle Dinge, Ereignisse und Handlungen zweckgerichtet sind. Ein Esstisch wird z.B. geschreinert, damit man darauf essen kann. Und Thomas ist der Überzeugung, dass Gott den Menschen geschaffen hat, damit der Mensch Gott schauen kann. 
Damit der Mensch sich aber auf dieses Ziel ausrichten, sich sozusagen darauf vorbereiten kann, muss der Mensch sein Ziel überhaupt erst einmal kennen. Darum, schreibt Thomas, war es für das Heil der Menschen notwendig, dass ihm durch göttliche Offenbarung bekannt gemacht wird, was über die menschliche Vernunft hinausgeht.

Zusammengefasst: Gott durch die Vernunft zu erkennen ist unsicher und ungenügend. Es ist aber von allergrößter Bedeutung, dass der Mensch Gott erkennen kann, dann von ihm hängt ja sein Heil ab. Damit die Menschen ihr Heil sicher erlangen können, schenkt uns Gott die Offenbarung. Das ist nicht nur vernünftig, sondern, wie Thomas noch sehr häufig sagen wird, äußerst angemessen: dass wir nämlich zu Gott durch Gott kommen, ist viel passender, als kämen wir durch uns selbst zu ihm.

Aus diesen Gründen ist es notwendig, dass es eine Heilige Wissenschaft gibt, also eine Lehre, die sich auf die Offenbarung begründet.

Dienstag, 13. Mai 2014

Worte können nicht beschreiben...

St. Maria im Kapitol, Köln
Auszug aus einem Artikel auf Vatican Insider der italienischen Zeitung La Stampa über neueste Ergebnisse der Untersuchung des Grabtuchs von Turin, für den gesamten Text bitte dem Link folgen.
The first discovery the four experts made, is that the Man of the Shroud underwent a dislocation of the shoulder and paralysis of the right arm. The person whose figure is imprinted on the Shroud is believed to have collapsed under the weight of the cross, or the “patibulum” as it is referred to in the study, the horizontal part of the cross. The Man of the Shroud the academics explain, fell “forwards” and suffered a “violent” knock” “while falling to the ground.” “Neck and shoulder muscle paralysis” were “caused by a heavy object hitting the back between the neck and shoulder and causing displacement of the head from the side opposite to the shoulder depression. In this case, the nerves of the upper brachial plexus (particularly branches C5 and C6) are violently stretched resulting in an Erb-Duchenne paralysis (as occurs in dystocia) because of loss of motor innervation to the deltoid, supraspinatus, infraspinatus, biceps, supinator, brachioradialis and rhomboid muscles.” At this point it would have been impossible for the cross bearer to go on holding it and this brings to mind the passage in the Gospel which describes how the soldiers forced Simon of Cyrene to pick up Jesus’ cross. Not an act of compassion therefore, but of necessity. This explains why “the right shoulder is lower than the left by 10±5 degrees” and The right eye is retracted in the orbit” because of the paralysis of the entire arm, the academics say.
According to the four experts, the Man of the Shroud definitely suffered a very serious and widespread pain accompanied by an intense sensation of heat, and usually shock when there is event he slightest limb movement. This was caused by a total paralysis of the right arm, the nailing of the left arm because of damage to the median nerve and the nailing of the feet because of damage to the tibial nerves. This method of nailing led to breathing impairment: with the arms raised at an approximately 15 degree angle causing the ribcage to expand, the lungs had difficulty expiring, reducing air flow. In addition to this, each deep breath the Man took to speak or to catch his breath will have put a strain on the lower limbs causing him intense pain.

Er erschlafft vom Gallentranke;
Durch den zarten Leib mit Wut
Bohrt man Dornen, Nägel, Lanze,
Wasser fließt heraus und Blut:
Erde, Meere, Steine, Welten
Waschen sich in dieser Flut.

(aus Pange lingua des Venantius Fortunatus)

Montag, 12. Mai 2014

Über Thomas schreibt niemand

Der Bloggerkollege Johannes Roger Hanses hat kürzlich in seiner Kommentarspalte geantwortet, als die Bitte aufkam, er solle doch seine Meinung über bestimmte politische Geschehnisse kundtun, dass über Politik schon viele schreiben, über den hl. Thomas aber niemand. Das hat mich nun ein wenig nachdenklich gemacht, ziert doch die rechte Leiste meines Blogs Wappen und Motto des Predigerordens und weist jeden Leser auf meine thomistische Ausrichtung hin. Der große Meister kam aber bislang dennoch kaum vor.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz beschreiben, wie ich denn zu Thomas kam. Es entspricht vielleicht dem Cliché, dass sich traditionell orientierte Katholiken besonders diesem Kirchenlehrer und der nach ihm benannten Schule zuwenden. In meinem Fall war das aber nicht so. Als ich in der Mitte meiner Teenagerjahre begann, mich mit dem katholischen Glauben, in den ich relativ gleichgültig hineingewachsen war, mehr zu beschäftigen, tat ich das vor allem im Umkreis von Leuten, die mehr platonistisch bis idealistisch geprägt waren. Sie standen Thomas sogar feindlich gegenüber, und das färbte auch auf mich ab.
Leider war mein Glaubensverständnis zu diesem Zeitpunkt aber noch sehr undeutlich, schemenhaft; die Liebe Gottes ließ ich keine Wohnstätte in meinem Herzen finden. Das änderte sich fast schlagartig, als ich Freunde kennenlernen durfte, die sichtbar nach Heiligkeit strebten, Gott und ihre Nächsten liebten. Und sie schätzten den hl. Thomas als ihren großen Lehrmeister. So schlug mich also auch der doctor communis in den Bann und vertrieb, natürlich nicht ohne die Fürsprache der Gottesmutter und das Wirken der göttlichen Gnade, die dunklen Wolken, die noch vor meinen Augen und vor meinem Herzen hingen.
Mehr noch, der Gottgelehrte ist für mich nicht nur ein sicherer Lotse in der christlichen Lehre geworden (und noch weniger ein strenger, trockener Schulmeister, zu dem er oft gemacht wird), sondern auch Quelle des Gebetes und der Beschauung. Andere Autoren haben sich schon mehrfach zu diesem künstlich aufgestellten Gegensatz zwischen Schultheologie und Mystik geäußert, deswegen verschiebe ich dieses Thema lieber auf ein andermal. Nur so viel: Die Lehre des Aquinaten ist zuallererst Ergebnis seiner Gottesschau - so beschreibt Thomas selbst die Aufgabe seines Ordens: Beschauen und das Beschauene weitergeben. Und ich konnte durch das so Weitergegebene selbst oft zur Beschauung gelangen.

Zurück zum Einstieg. Johannes schreibt weiter: "Deshalb versuche ich lieber, diese Lücke zu füllen, bis es einer besser macht." In diesem Sinne bin ich ganz froh, dass ich es nicht besser machen kann, damit uns die Thomas-Kommentare im Nachbarblog weiter erhalten bleiben. Johannes Roger Hanses formuliert seine Beiträge mit einer leuchtenden Klarheit, Einfachheit und großer Tiefe. Ich möchte meinen, alleine daran erkennt man schon, wessen Schüler er ist.
Auch wenn ich nicht über seine Gaben und seine Ausbildung verfüge, will ich trotzdem auch hier versuchen, ausgewählte Stellen beim Aquinaten zu kommentieren. Wenn sich dabei wahrscheinlich auch Fehler und Unvollkommenheiten auf meiner Seite offenbaren werden (und in diesen Fällen bitte ich um Rückmeldung!), so werde ich doch beim Schreiben auch sicherlich vieles lernen. Das ist nämlich meiner Meinung nach eines der besonders schönen Dinge, aktives Glied der Blogözese zu sein - man lernt nicht nur durch das Lesen anderer Blogs, sondern auch ganz besonders bei den Nachforschungen für die eigenen Beiträge.

Sonntag, 11. Mai 2014

Maria freut sich und bewundert ihre eigene Mutterschaft!

Da ich auch mal wieder kein angemessenes Geschenk hatte:

O selige Jungfrau, wer kann dir würdig das schenken, was dir an Preis und Danksagung zusteht, Dir, die durch die einmalige Zustimmung eine verdorbene Welt gerettet hat? Welchen Lobpreis kann unsere schwache Menschennatur dir darbringen, die doch durch dein Handeln allein den Weg zur Genesung gefunden hat? 
Nimm also diesen ärmlich Dank an, zu dem wir nur fähig sind, auch wenn er deinen Verdiensten nicht gerecht wird; und wie du unsere Gebete empfängst, so erlange durch dein Bitten die Vergebung unserer Sünden. Lasse unsere Fürbitten in das Heiligtum der Erhörung eingehen und trage zu uns die Medizin unserer Versöhnung.

(aus der 4. und 5. Lesung der Matutin vom zweiten Tag in der Oktav Mariä Mutterschaft im Römischen Brevier, als Predigt Augustins angegeben, tatsächlich ist aber Bischof Fulbert von Chartres der Urheber)

Samstag, 10. Mai 2014

Was ist der Unterschied zwischen Schwulen und wiederverheiratet Geschiedenen?*

Jesus und die Pharisäer
"[D]ort wo Menschen Verantwortung füreinander nehmen, wo sie in einer dauerhaften homosexuellen Beziehung dann auch miteinander leben und umgehen, das ist ja in ähnlicher Weise eben auch zu heterosexuellen Beziehungen zu sehen." - Rainer Maria Kardinal Woelki
"[D]ie zweite Ehe ist keine Ehe im gleichen Sinne, aber auch dort finden sich eheliche Elemente - die Partner kümmern sich um den anderen, sie sind ausschließlich an den anderen gebunden, sie haben den Willen zur Dauerhaftigkeit." - Walter Kardinal Kasper

* Richtig, es gibt (fast) keinen. Könnte man zumindest meinen, wenn man die eminenten Herren so liest... 

Freitag, 9. Mai 2014

"Wann war das letzte internationale Treffen der Schüler Gottfried von Fontaines'?"

Ein hörenswerter Vortrag über die trinitarische Christologie des Thomismus durch den Dominikaner-Pater Romanus Cessario, Mitglied der Päpstlichen Akademie des hl. Thomas von Aquin. Dem eigentlichen Thema (ab 28:30) geht ein längerer, aber nicht minder interessanter Prolog voraus, in dem die lebendige Tradition der Thomas-Kommentatoren beschrieben wird.                                                                                    




Donnerstag, 8. Mai 2014

Marienkomplet im Mai

Ich strömte einen lieblichen Geruch aus wie Zimt und köstliche Würze und duftete wie die beste Myrrhe. (Ecclesiastikus 24:20)

So schenkt den die Gebärende,
den Gabriel vorausgenannt,
den, noch versperrt im Mutterschoß,
Johannes selig vorgefühlt.

Maria, Mutter der Gnade,
Du Mutter der Barmherzigkeit,
schütz' uns vor dem Feind und stehe
uns in der Todesstunde bei.

Ehre sei dir, Herr,
von der Jungfrau geboren,
mit dem Vater und dem Heiligen Geist
in alle Ewigkeit. Amen.

V: Siehe, ich bin die Magd des Herrn!
R: Mir geschehe nach Deinem Wort.

Lasset uns beten: Barmherziger Gott, komm unserer Schwachheit zu Hilfe. Lass uns, die wir das Andenken der heiligen Gottesgebärerin feiern, durch ihre mächtige Fürbitte von unseren Sünden auferstehen; durch Christus, unseren Herrn. Amen


(aus dem Officium Parvum Beatæ Mariæ Virginis, Officiumque Defunctorum juxta Breviarium Cisterciense, die erste Strophe ist dem Hymnus A solis ortus cardine von Caelius Sedulius († 450) entnommen, in anderen Marienämtern findet sich hier eine Strophe aus dem Weihnachtshymnus Christe, Redemptor omnium: "Gedenke, Wurzel alles Heils / Wie unsern Leib du ehemals / Aus unberührter Jungfrau Schoß / Geboren, angenommen hast.")

Mittwoch, 7. Mai 2014

Jesus Christus, unser Bruder und Herr - Teil 3

Fortsetzung von hier und hier

Der spätere Kardinal Journet hat in seinem Vortrag sehr erbaulich dargestellt, was uns mit Christus als Bruder vereint und was uns von Christus als Gott unterscheidet. Zum Abschluss dieses Themas eine kurze liturgische Betrachtung.

Die römischen Orationen sind in erster Linie Bittgebete. Das mag uns gewohnt erscheinen, ist aber eigentlich keine Selbstverständlichkeit. Nach Origenes sollte jedes Gebet damit beginnen, Gott durch Christus im Heiligen Geist zu preisen, worauf eine Danksagung und ein Schuldbekenntnis folgt - und erst jetzt kommt die Bitte "um große und himmlische Dinge", dann schließt das Gebet mit einer weiteren Doxologie.
Danksagung ist ein essenzieller Bestandteil der hl. Messe selbst. Ein Moment der Lobpreisung findet sich aber auch in der Oration, nämlich im Abschluss des Gebetes. Hier wird das Beten des versammelten Gottesvolkes in den großen Zusammenhang der göttlichen Heilsordnung eingefügt. Das Gebet, unser Gebet, steigt zu Gott "durch unseren Herrn Jesus Christus Deinen Sohn" auf. Damit kommt der Gedanke der Mittlerschaft Christi zum Ausdruck*, der in unserem Namen vor dem Angesicht Gottes zu ihm spricht. Deswegen werden dem Namen Jesu Christi zwei Attribute beigefügt, welche die Verbindung zu beiden Seiten herstellen: "unser Herr" und "Dein Sohn". Unser Herr, weil er uns freigekauft hat mit seinem Blut, Dein Sohn, der mit Dir eins ist im göttlichen Wesen.
In diesem Bewusstsein, nämlich, dass die Kirche ihr Haupt Jesus Christus im Himmel hat, wurde die dem Erlöser geltende Formel erweitert: der mit Dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott, in alle Ewigkeit.

Dieses altchristliche Mediationsbild wird durch die Konklusion "durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn" - jegliche trinitarische oder rubrizistische Bedenken beiseite genommen - verdunkelt, denn er ist ja unser Bruder und unser Herr. Das sichere Vertrauen auf die wirksame Fürsprache Christi gründet sich aber darauf, dass er sowohl uns als auch Gott angehört. Daher ist ein derartiger Schluss für das öffentliche Gebet der Kirche meiner Meinung nach nicht geeignet.


später wird dieser Gedanke manchmal noch erweitert, z.B. "durch unseren ewigen Hohepriester" (eindrucksvoll bei Fulgentius: per Jesum Christum Filium tuum Dominum nostrum, verum pontificem et solum sine peccati macula sacerdotem.)

Dienstag, 6. Mai 2014

Mikrokosmos Mensch




 "Durch das Wort »Person« soll ein Wesen bezeichnet werden, das nicht bloß von dem Hauche des Göttlichen belebt – »inspiriert« – ist, sondern durch welches hindurch und aus welchem hervor nun auch wieder die eigentümliche innere Göttlichkeit seiner besondern Natur deutlich und vernehmbar, wenn auch nicht immer dem eigentlich Göttlichen angemessen, hervortönen (personare) und sich kenntlich machen kann."
nach Carl Gustav Carus

DK-Nr. 3: Das Leben und der Denzinger

Angeregt durch den jüngsten Geistbraus eine kleine Blütenlese des apostolischen Lehramtes zum Leben:




Eine umfassende und komprimierte Lehre über das Leben verfasste Pius XI. in seiner Enzyklika „Divini Redemptoris“: 

„Dem Menschen wohnt eine geistige und unsterbliche Seele inne; und ebenso wie er eine vom höchsten Schöpfer mit ganz wunderbaren Gaben des Leibes und des Geistes ausgestattete Person ist, so kann er nach der Auffassung der alten Schriftsteller tatsächlich ein Mikrokosmos genannt werden, (und zwar) aus dem Grunde, weil er die Unermeßlichkeit unbeseelter Dinge bei weitem übertrifft und überragt. Nicht nur in diesem sterblichen Leben, sondern auch in dem ewig fortdauernden ist ihm das höchste Ziel einzig Gott; und weil er durch die Heiligkeit bewirkende Gnade zur Würde der Gotteskindschaft erhoben wurde, wird er im mystischen Leibe Jesu Christi mit dem göttlichen Reich verbunden. Folgerichtig hat ihm die himmlische Gottheit vielfältige und verschiedene Gaben zugeteilt, wie die Rechte auf Unversehrtheit des Lebens und des Leibes, wie die Rechte, sowohl die notwendigen Dinge zu erhalten als auch auf das ihm von Gott vorgegebene Ziel in gehöriger Ordnung hinzustreben...“i


„Das physische Leben ... ist nicht als das höchste Gut des Menschen anzusehen, der zum immerwährenden Leben berufen ist.“ii Dennoch ist „das erste (Recht) der menschlichen Person das Recht auf Leben“iii, da sich „gerade auf das physische Leben alle übrigen Güter der Person stützen und sich (von da aus) entfalten.“iv Zwar gibt es „noch andere Güter, von denen manche gewiß wertvoller sind, aber das Recht auf Leben ist die Grundlage und Bedingung der übrigen und daher mehr als die übrigen zu schützen.“v Das „unverletzliche Recht auf Leben eines jeden unschuldigen Menschen“ ist als eines der „grundlegenden sittlichen Güter zu betrachten“, weswegen es die Pflicht der öffentlichen Autorität ist, „daß das staatliche Gesetz entsprechend den grundlegenden Normen des Sittengesetzes gestaltet wird“, die den „natürlichen Erfordernissen der menschlichen Person und den ungeschriebenen Gesetzen entspricht, die vom Schöpfer in das Herz des Menschen eingesenkt worden sind.“vi Dieser Autorität steht es nicht zu, „dieses Recht den einen vorzubehalten, den anderen aber zu entziehen.“vii „Was ferner zum Leben selbst in Gegensatz steht, wie jede Art Mord, Völkermord, Abtreibung, Euthanasie und auch der freiwillige Selbstmord ... entwürdigt es mehr jene, die sich so verhalten, als jene, die das Unrecht erleiden“viii, solch eine Tötung ist „nach dem sittlichen Urteil immer schlecht und kann niemals für erlaubt gehalten werden, weder als Ziel noch als Mittel zu einem guten Zweck“, „sie stellt einen schweren Ungehorsam gegen das Sittengesetz dar, ja gegen Gott selbst, seinen Urheber und Beschützer; sie widerspricht außerdem der Grundtugend der Gerechtigkeit und der Liebe.“ix Leider aber hat sich die Wahrnehmung der Schwere dieses „besonders verwerflich[en] und verabscheuungswürdig[en]“x Verbrechens verdunkeltxi, und es ist als tiefe Krise des sittlichen Bewusstseins zu sehen, dass es für viele immer schwieriger wird, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.xii Die Nachfolger des Apostels Petrus konnten mehrfach in Gemeinschaft mit allen auf der Welt verstreuten Bischöfen die Tötung unschuldigen Lebens verurteilen, die Erklärung dafür, „welche sich auf das Naturgesetz und auf das geschriebene Wort Gottes stützt, [...] wurde von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt dargelegt.“xiii Der seit jeher große Eifer des obersten Bischofs für das junge Leben zeigt sich in einem frühen Hirtenbrief: „[D]enn wenn ein Mörder ist, wer eine Leibesfrucht im Schoße durch Abtreibung vernichtet hat, um wieviel mehr wird sich (jener) nicht entschuldigen können, ein Mörder zu sein, der ein kleines Kind ... getötet hat?“xiv


Doch die Kirche hat nicht nur die Abtreibung, Euthanasie oder den Selbstmord stets als großes Übel verurteilt. Über Jahrhunderte hinweg betrachteten die Päpste die in Europa so lange bestehende Unsitte des Duellierens mit großer Sorge: „Beide göttlichen Gesetze, sowohl dasjenige, das durch das Licht der natürlichen Vernunft, als auch (jenes), das durch die unter göttlichem Anhauch verfaßte Schrift verkündet hat ... untersagen ferner, daß einer sein Leben leichtfertig preisgibt, indem er es schwerer und offenkundiger Gefahr aussetzt, obwohl keine Spur von Pflicht oder großherziger Liebe dazu rät; diese blinde, lebensverachtende Leichtfertigkeit aber wohnt der Natur des Duells eindeutig inne.“xvi Auch erklärt die ununterbrochene Tradition der Kirche, dass die weltliche Gewalt „ohne Todsünde ein Bluturteil vollstrecken kann, solange sie zum Vollzug der Strafe nicht aufgrund von Haß, sondern aufgrund eines richterlichen Urteils ... überlegt schreitet“xvii, gleichzeitig rät sie jedoch dazu, dass wenn irgend möglich, unblutige Mittel bevorzugt werden sollen.xviii


Letztlich ist für den Christen das physische Leben nur die Vorbedingung für das ewige Leben.


„Diesen Glauben erbitten die Katechumen vor dem Sakrament der Taufe nach der Überlieferung der Apostel von der Kirche, wenn sie den Glauben, der das ewige Leben verbürgt, erbitten, das der Glaube ohne Hoffnung und Liebe nicht verbürgen kann. Daher hören sie auch sogleich das Wort Christi: Wenn du zum Leben eingehen willst, halte die Gebote. Deshalb werden sie, wenn sie die wahre und christliche Gerechtigkeit empfangen, sogleich als Wiedergeborene geheißen, dieses gleichsam als bestes Kleid, das ihnen durch Christus Jesus anstelle von jenem geschenkt wurde, das Adam durch seinen Ungehorsam sich und uns verlor, leuchtend und makellos zu bewahren, damit sie es vor dem Richterstuhl unseres Herrn Jesus Christus tragen und das ewige Leben haben.“xix




i DH-Nr. 3771, 19. März 1937
ii DH-Nr. 4791, Instruktion der Glaubenskongregation „Donum vitae“, 22. Feb. 1987
iii DH-Nr. 4552, Erklärung der Glaubenskongregation „Quaestio de abortu procurato“, 18. Nov. 1974
iv Siehe ii
v Siehe iii
vi DH-Nr. 4807, siehe ii
vii Siehe iii
viii DH-Nr. 4327, 2. Vatikan. Konzil: Pastoralkost. „Gaudium et spes“, 7. Dez. 1965
ix DH-Nr. 4990, Johannes Paul II.: Enzykl. „Evangelium vitae“, 25. März 1995
x DH-Nr. 4991, siehe ix
xi Vgl. ebd.
xii Vgl. ebd.
xiii DH-Nr. 4992, siehe ix
xiv DH-Nr. 670, Brief „Consuluisti de infantibus“, zwischen 887 und 888
xv Siehe ix
xvi DH-Nr. 3272, Leo XIII.: Brief „Pastoralis officii“, 12. Sept. 1891
xvii DH-Nr. 795, Innozent III.: Brief „Eius exemplo“, 18. Dez. 1208
xviii Vgl. KKK 2267
xix DH-Nr. 1531, Konzil von Trient: Dekret über die Rechtfertigung, 13. Jan. 1547