Freitag, 2. Dezember 2016

Das zweite Türchen: Lex Christo gravida erat




"Mehrmals und auf vielerlei Weise hat einst Gott 
zu den Vätern und durch die Propheten geredet,
 am letzten zu uns durch den Sohn."[i]

In dieser Zeit des Advents treten wir wieder ein in die Gedanken Gottes, in das Werk der Inkarnation und Erlösung, so sublim und groß, so eng verbunden mit dem innersten Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit selbst, daß sie über Äonen verborgen blieben in den Tiefen der göttlichen Geheimnisse: "Das Geheimnis, das von Ewigkeiten her verborgen war in Gott."[ii]
Wir wissen, daß Gott uns warten ließ für tausende und hunderte von Jahren, wie das Weihnachtsmartyrologium so eindrucksvoll wieder und immer wieder verkündet. Niemals können wir das Warum der Umstände des Heilswirken Gottes ergründen. O Saptientia! Nur die Angemeßenheit seiner Wahl können wir demütig versuchen zu faßen.

Nachdem das Menschengeschlecht, das sein wollte wie Götter, durch den Stolz gefallen ist, war es billig und recht, daß es seine eigene Not und Elend in langer Erfahrung einsieht und erkennt, wie sehr es eines Erlösers bedarf.[iii] 
Und diese Vorstellung eines zukünftigen Retters erfüllt das ganze Alte Gesetz, alle Riten und Zeremonien und Opfer deuteten auf ihn: „All dieses widerfuhr ihnen als Vorbild.“[iv] So schrieb schon Origenes: Lex Christo gravida erat.[v] Das Alte Testament war schwanger mit Christus. Das alte Israel war in der Erwartung seines Messias.
Nun mag man sagen, all diese Vorbereitungen und Zeichen – was geht das uns an? Wir leben ja in der Fülle der Zeit. Christus ist schon gekommen. Und lebt unter uns, in jedem Tabernakel.
Doch Gott will in all seinen Werken gepriesen werden. Wir treten ja ein in die göttlichen Gedanken, wenn wir die Prophezeiungen und Versprechungen des Alten Testamentes lesen. Und wir folgen dem Auftrag Christi selbst, zur Bekräftigung unseres Glaubens, der uns auftrug: Scrutamini Scripturas, durchforschet die Schriften![vi] Und das war es auch, was er selbst tat dort auf dem Weg nach Emmaus nach seiner Auferstehung. „Und er fing an von Moses und allen Propheten, und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm geschrieben steht.[vii] So finden wir den, „von dem die Propheten geschrieben haben.[viii] Vor allem aber ist diese Fülle der Zeit noch nicht zu Ende, die Mysterien Christi nicht bloße Geschichte, sondern lebendige Wirklichkeit! Christus noch immer ein Kommender, bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit. Wir sollen so auf die Ankunft des Herrn in unseren Herzen, gleichsam in einem mystischen Advent des Glaubens bereitet werden, auf daß wir die reichen Gnaden der Geburt Christi erfahren.

Die Rede Gottes von seinem Heilsplan begann schon im Garten Eden. Ganz anders als die Schar der gefallenen Engel wurden das erste Menschenpaar nicht für immer und ewig von seinem Angesicht verbannt. Es war das Protoevangelium, das erste Wort des Heils: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen: sie wird deinen Kopf zertreten.[ix] Ein früher Sonnenstrahl des Geheimnisses verborgen in Gott vor aller Zeit geht auf. Von nun an steht der Same der Frau, der die Menschheit erlösen wird, im Zentrum aller menschlichen Religion.
Über die Jahrtausende und Jahrhunderte hinweg wird der Spruch des Allerhöchsten immer feierlicher, immer definierter, immer klarer umrissen. Er versichert den Patriarchen von alt, Abraham, Isaak und Jakob, daß aus ihrer Rasse, aus ihrem Stamm der Erlöser hervorgehen soll: „Und in deinem Samen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.[x] Aus Juda wird er kommen, die Erwartung aller Nationen: „Bis der kommt, der gesandt soll werden, auf den die Völker harren.[xi]
Und als die Menschenvölker abfielen von der Uroffenbarung, versanken in Irrtum und Laster, erwählte Gott ein Volk als Wächter seines Versprechens. Durch die Propheten hält er das Andenken aufrecht und stärkt es.

Den Sehern stellt Gott die Person und Mission des Messias in einer Art und Weise da, die sich scheinbar fast widersprechen. Hier steht jemand, dessen Vorrechte nur einem Gott gebühren, und dort die Knechtsgestalt, die die schlimmsten Peine erleidet, die kaum dem Geringsten gebühren. König David, dem Gott geschworen, sein Geschlecht auf immer zu bewahren, wird der Kommende als „sein Sohn und sein Herr[xii] offenbart – Sohn aufgrund seiner Menschheit, Herr aufgrund seiner Gottheit. Er schaut ihn im Glanz der Heiligen, ewig gezeugt vor dem Morgenstern, Priester ewiglich nach der Ordnung des Melchisedech,[xiii] seine Rechte führt uns um der Wahrheit und Sanftmut und Gerechtigkeit willen[xiv]. Ja, es ist wahrlich der Sohn Gottes selbst, dem alle Nationen zum Erbe gegeben sind: „Der Herr hat zu mir gesagt: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt: Begehre von mir, so will ich dir geben die Völker zu deinem Eigentum.[xv] Nur ein Gott, schrieb der hl. Apostel Paulus, wird so verherrlicht.[xvi]

Derselbe König aber sah auch die durchbohrten Hände und Füße, die Soldateska, die das Los werfen über sein Gewand,[xvii] wie sie ihm Galle und Essig reichen als Trank.[xviii] Und dann wieder den Gott: Er lässt ihn nicht die Verwesung des Grabes schauen, sondern lässt ihn siegreich über den Tod zu seiner Rechten sitzen.[xix]

Auch im Propheten Isaias, den die Kirche im Advent liest und der wie kein anderer des Alten Testaments so lebhaft vom Messias redet, als sei er einer seiner Jünger gewesen, kennt dessen Erhöhung und Niedrigkeit. Er nennt ihn Namen, die keiner je trug: „Wunderbarer, Ratgeber, Gott, starker Held, Vater der Zukunft, Friedensfürst.[xx] Den Jungfrauensohn „wird man Emmanuel nennen“,[xxi] Gott mit uns. „Wie eine entzündete Fackel[xxii] erscheint er, er öffnet der Blinden Augen, der Tauben Ohren, löst die Zungen der Stummen und macht die Lahmen gehen,[xxiii] der Fürst und Lehrer der Heiden,[xxiv] und vertilgt die Götzen vollends.[xxv] Ihm wird sich jedes Knie beugen und jede Zunge seine Macht bezeugen.[xxvi]

Doch der gleiche Prophet sieht den gleichen Erlöser als Verachteten und Mindesten der Menschen, als Mannes der Schmerzen, der sein Antlitz verhüllt vor Schmach, einen Aussätzigen, den Gott geschlagen und gedemütigt hat, wie ein Schaf wird er zur Schlachtbank geführt, man rechnet ihn zu den Gottlosen, denn der Herr will ihn zermalmen in der Schwachheit.[xxvii]
In dieser Art reden die Propheten von der Höhe und Niedrigkeit, der Stärke und Schwäche des künftigen Messias. In wunderbarer Weise hat Gott sein Volk auf das unsagbare Geheimnis eines Gottmenschen vorbereitet, höchster Fürst aller Völker und Opfer und Löspreis für die Sünden der Welt.

Durch die Versprechungen, Erinnerungen und Offenbarungen aus dem Mund der Propheten wollte Gott die Herzen der Gerechten des Alten Bundes derart bereiten, daß die Ankunft des Messias heilbringend für sie wird. Und je mehr die Gerechten erfüllt waren mit Glauben und Hoffnung – der Glaube kommt ja vom Hören,[xxviii] durch die verkündeten Wahrheiten der Prediger und Seher -, umso mehr entbrannten sie in dem Verlangen, ihren Erlöser zu schauen, und umso mehr waren sie dazu bereit, die Überfülle der Gnaden anzunehmen, die der Heiland der Welt bringt.  Darum erkannten die heiligen Seelen der Jungfrau Maria, des Zacharias und der Elisabeth, Simeon, Anna und so viele andere sogleich in Jesus Christus ihren Herrn und Erlöser.

Diese Vorbereitung, die Gott im großen Weltadvent der Menschheit und den gläubigen Juden hat zukommen lassen, soll auch unsere Vorbereitung sein. Wie die Juden in ständiger Erwartung seiner Ankunft waren, im Licht des Glaubens erkannten, daß in der Person des Retters ein König und Gott gesandt wird, der vom Elend und allen Sünden befreit … so sollen auch wir durch das Hören und Erforschen der Schriften im Glauben unseren Erlöser erkennen und erwarten. Mehrmals und in vielerlei Weise hat ja Er zu uns gesprochen vor der Ankunft des Sohnes. So hören wir, hören wir, was er sprach und spricht.

Dann soll das Gebet der Gerechten, das einzige Verlangen ihrer Herzen, im Advent auch das unsere werden: Sende ihn, der da kommen soll!

Das nächste Türchen wird auf dem Hellen Berg zu öffnen sein.




[i] Hebr 1,1
[ii] Eph 3,9
[iii] Hl. Thomas von Aquin, STh IIIa, q. 1, a. 5 c.
[iv] I Kor 10,11
[v] In Lucam, Orat. II; siehe auch (Pseudo-)Augustins Sermo CXCVI
[vi] Joh 5,39
[vii] Lukas 24,27
[viii] Joh 1,45
[ix] Gen 3,15
[x] Gen 12,18
[xi] Gen 49,10
[xii] Ps 109,1
[xiii] ebd., 3f
[xiv] Ps 104,5
[xv] Ps 2,7f
[xvi] Hebr 1,5
[xvii] Ps 21, 27-19
[xviii] Ps 68, 22
[xix] Ps. 15,10f
[xx] Isa 9,6
[xxi] Isa 7,14
[xxii] Isa 62,1
[xxiii] Isa 35,5f
[xxiv] Isa 55,4
[xxv] Isa 2,18
[xxvi] Isa 45,24
[xxvii] Isa 53,3ff
[xxviii] Röm 10,17

Montag, 7. November 2016

Abteilung Popkultur: The Young Pope


Als dieser Tage Paolo Sorrentinos Meisterstück The Young Pope anlief, war ich schon drauf und dran, ein paar Worte darüber zu verlieren. Schon hatten sich aber die notablen Blätter der Sache gewidmet, drum will ich's auch dabei belassen. Man mag dran mäkeln, Papsttum und Kirche würde dem Spott feilgeboten, kehre das Privatimste nach Außen und das Eigentliche unter den Teppich. So what? Das Durcheinanderwerfen aller Dinge ist doch ohnehin Desiderat des (fast) Allerhöchsten, wo die Hausgenossen des Hl. Vaters vor laufenden Kameras gescholten und die päpstlichen Kapellen zu Reklamezwecken an finanzkräftige Unternehmen verpachtet werden. Und unschuldiger (wenn man, wie es üblich ist, die Moral auf's contra sextum reduziert) als etwa der zeitgenössische Unterstufenunterricht kommt die multinationale Produktion, mirabile dictu, allemal daher.
Das mag daran liegen, daß Sorrentino gar nicht wie hiesige Kirchenfunktionäre utriusque status die Kirche zerstören möchte. Ob's daher kommt, daß er Italiener ist, ich weiß es nicht, sein Verhältnis zur Ekklesia ist jedenfalls ein komplexeres. Er erträumt sich eine Kirche, ein fernes Elysium nah, wie sie sein könnte, sein müsste, um ... ja, um wieder Christ zu werden? Ein schaurig-schreckliches Gespenst, gold und karmesinrot, und doch so furchtbar unwiderstehlich wie die dunkle Gespielin der Nacht, der sich alle Sinne, nolens volens, im trunkenen Rausch ergeben. Gesprengt wird hier die zwanghafte Mediokrität, das Credo der Bourgeoisie, die institutionsgewordene Religion zum Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag.
Mit Pius XIII. sitzt ein antinietzscheanischer Nietzsche auf dem Stuhle Petri, ein Machtmensch, der den bedingungslosen Glauben verlangt, der vielleicht selbst gar kein Glaubender ist, ein Dionysos und Gekreuzigter zugleich, der Cherry Coke und Kippe zum Frühstück und Tiara und Goldbrokat zur Vesper verlangt, der mehr Machiavelli ist als die machiavellistischsten Kurialisten und auf Knien zur Gottesmutter betet, der Kallos Agathos, der sich für schöner als Christus hält und nicht gesehen werden will, dem Keuschen, vor dem die Frauen verschmachten, dieser Papa Angelicus redivivus, doch kein Gefangener des Vatikans, sondern einer, der die Welt gefangen nimmt. In surrealistischen Bildern verwischt Sorrentino die Grenzen von Zynismus und Schwärmerei, von Traum und Wirklichkeit.

Und vielleicht ist gerade das der Reiz an The Young Pope, wieder einmal Kirche träumen dürfen, der Traum, zu dem uns einst Papa Benedikt erweckte? Nur diesmal eben nicht wieder sanft dämmernd entschlafen, statt blauweißer Folklore und Rollator steht da der griechische Held in goldschimmernd weißester Rüstung, die herrlichste, die je einer getragen, doch herrlicher noch ... ist er.

Doch, genug von mir, nun höret Seine Heiligkeit höchstselbst. Doch Vorsicht - nach diesem Mittsommernachstraum will man vielleicht gar nicht mehr wachen:

"Knock knock!"

"Knock knock!"

We're not in.

Brother Cardinals,

from this day forward, we're not in, no matter who's knocking on our door. We're in, but only for God. From this day forward, everything that was wide open is gonna be closed.
Evangelization. We've already done it. 
Ecumenicalism. Been there, done that. 
Tolerance. It doesn't live here anymore. It's been evicted. It vacated the house for the new tenant, who has diametrically opposite tastes in decorating. We've been reaching out to others for years now. It's time to stop! 

We are not going anywhere. We are here. Because, what are we? We are cement. And cement doesn't move. We are cement without windows. So, we don't look to the outside world. 
"Only the Church possesses the charisma of truth", said St. Ignatius of Antioch. And he was right. We have no reason to look out. Instead, look over there. What do you see? That's the door. The only way in. Small and extremely uncomfortable. And anyone who wants to know us has to find out how to get through that door.

Brother Cardinals, we need to go back to being prohibited. Inaccessible and mysterious. That's the only way we can once again become desirable. That is the only way great loves stories are born. And I don't want any more part-time believers. I want great love stories. I want fanatics for God. Because fanaticism is love. Everything else is strictly a surrogate, and it stays outside the Church.

With the attitudes of the last Papacy, the Church won for itself great expressions of fondness from the masses. It became popular. Isn't that wonderful, you might be thinking! We received plenty of esteem and lots of friendship. I have no idea what to do with the friendship of the whole wide world. What I want is absolute love and total devotion to God.

Could that mean a Church only for the few? That's a hypothesis, and a hypothesis isn't the same as reality. But even this hypothesis isn't so scandalous. I say: better to have a few that are reliable than to have a great many that are distractible and indifferent. The public squares have been jam-packed, but the hearts have been emptied of God. You can't measure love with numbers, you can only measure it in terms of intensity. In terms of blind loyalty to the imperative. Fix that word firmly in your souls: Imperative. From this day forth, that's what the Pope wants, that's what the Church wants, that's what God wants.And so the liturgy will no longer be a social engagement, it will become hard work. And sin will no longer be forgiven at will.

I don't expect any applause from you. There will be no expressions of thanks in this chapel. None from me. And none from you. Courtesy and good manners are not the business of men of God.
What I do expect... is that you will do what I have told you to do. There is nothing outside your obedience to Pius XIII. Nothing except Hell. A Hell you may know nothing about, but I do. Because I've built it, right behind that door: Hell. In the past few days, I've had to build Hell for you, that's why I've come to you belatedly. I know you will obey, because you've already figured out that this pope isn't afraid to lose the faithful if they're been even slightly unfaithful, and that means this Pope does not negotiate. On anything or with anyone. And this Pope cannot be blackmailed! From this day forth, the word "compromise", has been banished from the vocabulary. I've just deleted it.

When Jesus willingly mounted the cross, he was not making compromises. 
And neither am I.

Amen.

(Antrittsrede vor dem Kardinalskollegium, Staffel 1 Folge 5)

Montag, 24. Oktober 2016

Läuterung

»Denke, daß alle (die rings um dich leben) die Aufgabe haben — so ist es ja wirklich —, dich zu erproben, indem sie dich bearbeiten: der eine mit Worten, der andere mit Taten, andere endlich mit Gedanken. Und darin mußt du allen so unterworfen sein, wie ein Bildnis dem, der es meißelt oder bemalt oder vergoldet.«
Hl. Johannes vom Kreuz, Vorsichtsmaßregeln, 15.

Freitag, 21. Oktober 2016

Von der zwiefachen Wirkung


In gewohnt tiefgründiger wie leicht verständlicher Art hat der Scholastiker die scholastische Antwort auf Ihr Urteil gegeben, nämlich die des kaum noch gehörten Naturrechts. In dem Schaustück, in dem es um Schuld oder Unschuld eines Bundeswehrpiloten ging, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschoß, um einen Terroranschlag zu verhindern, wurden freilich nur aus konsequentialistischer und kantianischer Sicht argumentiert. Daß das Naturrecht in der Krise steckt ist eine Binsenweisheit, daß diese Entwicklung aber selbst katholischerseits als Triumph gefeiert wird, ist dagegen nur traurig. Schließlich gibt es nur durch die Gründung der Moral in der Natur des Menschen ein objektives Fundament der Ethik - aber natürlich geht es vielen gerade darum, dieses Fundament zu zerstören.

Eines hat der Scholastiker in seinem Beitrag aber nicht beschrieben - man kann auch nicht alles tun - nämlich die Möglichkeit der Verteidigung des Kampfpiloten aus naturrechtlicher Perspektive mittels des Prinzips der doppelten Wirkung.
Das erste Mal sprach wohl der Aquinate höchstselbst von einer zweifachen Wirkung, die aus einer einzigen Handlung folgt, als er die Legitimität einer gewaltsamen Selbstverteidigung behandelte. Indem ich dem Angreifer etwa eines mit dem Baseballschläger überbrate, verteidige ich mein Leben (gut), schade aber dem Angreifer (schlecht). Den Schaden des Angreifers nehme ich wegen des größeren Gutes in Kauf. Und darf das gewöhnlich auch tun, jedenfalls wenn meine Verteidigungshandlung verhältnismäßig ist. Nun muss man aber gar nicht in mittelalterliche Summen oder moraltheologische Handbücher schauen, und auch nicht unbedingt die gewaltsamsten Beispiele heranziehen, um das Prinzip der Doppelwirkung zu erklären. Daß eine Handlung mehrere Folgen hat, das begegnet uns im täglichen, immer komplexer verquicktem Leben nämlich ständig. In wir lösen das damit verbundene Problem zumeist ganz intuitiv richtig.

Starte ich meinen (mit Verbrennungsmotor betriebenen) Wagen, um zur Arbeit zu kommen, dann verpeste ich die Luft. Das ist schlecht. Zu fahren, um zur Arbeit zu kommen, ist aber gut. Ich nehme dieses kleinere Übel aufgrund eines größeren Gutes in Kauf. Offensichtlich betreibe ich ja meinen Verbrennungsmotor nicht, um die Umwelt zu schädigen. Jedoch bin ich der Ansicht, daß die guten Gründe, nämlich zu arbeiten, schwerer wiegen als die Umweltschädigung, die ich dabei, unbeabsichtigt, aber vorhersehbar, hervorrufe.
Anderes Beispiel: Ich gehe mit Zahnschmerzen zum Zahnarzt. Der fügt mir obendrauf noch Schmerz zu, wenn er den Bohrer ansetzt oder mir gar den Zahn zieht. Letztlich will er mir dabei aber nicht schaden (hoffentlich), sondern ein größeres Gut erwirken, nämlich meine zahnmedizinische Gesundheit.

Das Grundgesetz allen moralischen Handelns lautet: Bonum est faciendum et malum vitandum. Das Gute ist zu tun, das Üble zu meiden. Wie wir aber an den Beispielen sehen, kommen wir kaum umher, beim Tun des Guten auch irgendwie etwas Schlechtes anzurichten. Das Prinzip der Doppelwirkung will ein kohärentes System bereitstellen, um kompliziertere Gewissensfälle zu lösen, ohne vom genannten fundamentalen Moralgesetz abzuweichen.

Die Ethik hat schließlich das Prinzip der doppelten Wirkung kodifiziert und mit vier Bedingungen ausgestattet, die erfüllt werden müssen, damit eine Handlung mit guten und schlechten Wirkungen erlaubt sei:
  1. Die Handlung muß in sich selbst gut oder wenigstens indifferent sein.
  2. Die gute Folge muß unmittelbar aus der Handlung hervorgehen. Geht die gute Folge erst aus der schlechten hervor, dann ist die Handlung nicht erlaubt. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.* 
  3. Der Zweck, die Absicht, muß sittlich gut sein. Die schlechten Folgen dürfen nicht beabsichtigt, sondern nur zugelassen werden.
  4. Es muß ein entsprechend wichtiger Grund vorliegen, der die schlechten Folgen aufwiegt.
Applizieren wir das auf das ursprüngliche Thema, den Abschuß eines zu Terrorzwecken gekaperten Passiergierflugzeugs, werden sich die Punkte weiter erhellen.

Der Scholastiker hat in seinem Beitrag ein Beispiel für eine in sich schlechte Handlung angeführt, das ich hier zitieren möchte:
»Ein Amerikaner kommt in ein Dorf in Südamerika, wo Soldaten der Militärjunta gerade zehn Personen festgenommen haben, von denen sie behaupten, dass es sich um Rebellen handelt und die gleich hingerichtet werden sollen. Der führende Offizier freut sich über den Besuch des Amerikaners und bietet ihm an, einen von den zehn Rebellen zu erschießen und dafür die anderen neun freizulassen, gewissermaßen zur Feier des Tages. Lehnt er dies aber ab, werden alle Zehn erschossen. Der Amerikaner kann also neun Menschenleben retten, wenn er eins tötet. Die Konstellation ist sehr ähnlich derjenigen des Films. Doch auch hier ist offensichtlich, dass der Amerikaner nicht verantwortlich für den Tod der zehn Personen ist. Verantwortlich ist allein der Offizier. Es gibt daher auch keine Handlungspflicht für den Amerikaner, er hat aber die Unterlassungspflicht, keinen Menschen zu töten.«
Der Amerikaner darf natürlich keinen der zehn Rebellen töten. Die direkt Tötung eines Unschuldigen ist immer wider die Natur, sündhaft und daher unerlaubt, eine in sich schlechte Handlung. Kommen wir zu Punkt 2, so ließe sich aber sagen, aus dem Übel folge eben ein größeres Gut, nämlich die Freilassung der Neun. Das ist aber unmoralisch, denn dann hätte der Zweck die Mittel, nämlich der Mord an einem Menschen, geheiligt.

Wie ist es aber jetzt bei dem Piloten? Er setzt niemandem die Pistole an den Kopf. Er schießt ein Flugzeug ab, eine zunächst einmal indifferente Handlung. Die gute Folge dagegen geht unmittelbar daraus hervor. Ist das Flugzeug zerstört, sind die 70.000 Menschen im vollbesetzten Stadion gerettet.
Ob die Tötung der Passagiere Mittel zum Zweck sind, lässt sich leicht anhand eines Gedankenexperiments herausfinden. Was wäre, wenn kein Passagier im Flugzeug säße? Das Flugzeug könnte immer noch abgeschossen und der Mord an 70.000 verhindert werden. Das ist keine Folge des Todes der Passagiere, so tragisch er auch wäre.
Beim dritten Punkt sollte auch alles klar sein. Wenn ein Übel kein Mittel sein darf, dann erst recht kein Zweck. Der Pilot will die Flugzeugpassagiere nicht töten, er lässt es "lediglich" zu.** Wenn aber ein sadistischer Zahnarzt mir Schmerz zufügen will, dann handelt er unsittlich - selbst, wenn damit ein größeres Gut bewirkt.

Am schwierigsten dürfte der vierte Punkt zu erklären sein. Zunächst schaut er einmal aus wie ein konsequentialistisches Addendum. Das ist aber keinesfalls so. Es geht hier nicht allein um eine Maximalisierung, ein reines Zahlenspiel. Es geht hier um Gründe, die gemäß der objektiven Seins- und Werteordnung abgewogen werden müssen. Für den Konsequentialisten zählt allein der zusammengerechnete Gesamtnutzen. Für den Naturrechtler zählt die relative Wichtigkeit der Gründe.

Für die 4. Bedingung des Prinzips der doppelten Wirkung wurden eine Reihe von Unterprinzipien aufgestellt, die die Findung des rechten Urteils erleichtern sollen. Würde die schlechte Folge ohne den Handelnden ebenfalls eintreten, wie in unserem Terrorbeispiel, dann kann der gute Grund auch kleiner sein. Würden sie ohne den Handelnden nicht eintreten, muss er größer sein. Hat der Handelnde eine Pflicht von Amtswegen, die Handlung zu setzen oder zu unterlassen? Und so weiter und so weiter. Die jahrhundertealte Erfahrung der katholischen Kasuistik bietet hier Leitlinien, gegen die kein noch so ausgeklügelter Konsequentialismus angekommen kann.

All die vielen weiteren Details auslassend, die über den Rahmen eines Blogbeitrages hinausgehen, lautet mein Urteil anhand der vier Bedingungen der doppelten Wirkung: Nicht schuldig.


*derartiges hat die "Jesuitenmoral", entgegen protestantisch-jansenistischer Anklagen, nie behauptet
** auch wenn der Unterscheidung zwischen Intendierung und Zulassung seit Pascals Karikierung in seinen Provinzlettern in die Kritik gekommen ist, ist es doch, man blicke nur zurück auf das Zahnarztbeispiel, eigentlich evident.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Der Helferin der Christen (2)

Zeugen sind die Echinaden,
Ion'sche Inseln, deiner Macht:
Heute noch in aller Munde
Lebt die Tat, die du vollbracht.

Kampfgerüstet gegenüber
Halten Schiffe, lang gereih't,
Und der Krieger Herzen glühen,
Lechzend nach dem wilden Streit.

Nun zum Angriff zieh'n die Reihen:
Hier Mariä Banner winkt
Himmelwärts, und dort der Halbmond
Drohend her und trotzig blinkt.

Gellend der Trompeten Schmettern
Zum Beginn des Kampfes tönt,
Schrecklich bis zum Sternenhimmel
fort und fort der Donner dröhnt

Der Geschütze. Meer und Ufer
Hallt und strahlt im Feuerschein.
Furchtlos hier und dort die Führer
Ihre Kampfbefehle schrei'n.

Da zerschmettert Rumpf und Ruder,
Klafft geborsten manches Schiff
Und versinkt im mächt'gen Strudel,
In des Meeres Gründen tief.

Leichen schleudert schrecklich rauschend
Weit umher des Meeres Flut,
Und der weiße Schaum der Wogen
Rötet sich von Menschenblut.

Doch des Sieges Wage schwanket:
Hier hemmt gleiche Kraft den Streit;
Dort bei gleichem Los und Ausgang
Tobet Kampf und Schlacht erneut.

Wieder schwankt das Glück der Waffen -
Seltsam! - Plötzlich wilderregt
Scheint und wirr der Türken Flotte:
Schrecken ihre Reihen fegt.

Und trotz ihrer Streiter Stärke,
Trotz der Krieger Uebermacht
Scheuet sie, von Furcht ergriffen,
Auszuharren in der Schlacht.

Wunderbar! Sie wankt und weichet
Jetzt und ziehet sich zurück
Und vertrauet Christi Streitern
An ihr Los und ihr Geschickt.

Hei! Juchhei! wie jauchzt der Sieger!
An die Ufer prallt und schallt
Ueberall Mariä Namen,
Den das Echo widerhallt.

Und die Völker schei'n zusammen
Bei des Sieges Wundermär',
Den die Lenkerin der Schlachten
Nun verlieh'n, die Jungfrau hehr,

Voller Huld; voran die Römer,
Denen Pius' weiser Mund
Kündete des Himmels Fügung
Just, als schlug des Sieges Stund'.

*

Jetzt erst ward Europa Frieden
Nach der Drangsal schwer verlieh'n,
Jetzt erst konnt' der Väter Glauben
Auf zu neuem Glanze blüh'n.

*

Doch was steht ihr, Spätgebor'ne,
Zaudernd da, ein feig Geschlecht? -
Würdig diesen Sieg zu feiern,
Jetzt zum Werk die Kräfte regt:

Wo die Schlacht sich zugetragen,
Soll am Strand ein Denkmal sein,
Himmelwärts ein Tempel ragen
Ganz aus heim'schen Marmorstein:

Dort im Tempel thron' die Jungfrau
Wie 'ne Königin im Glanz
Und gebiet' den Meereswellen
Um das Haupt den - Rosenkranz! -


Übersetzt von Bernhard BarthDes Papstes Leo XIII Sämtliche Gedichte nebst Inschriften und Denkmünzen. Köln: J.P. Bachem 1904, S. 92ff.

PS: Das Denkmal, zu dessen Bau Leo XIII. anregte, steht bist heute nicht.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Helferin der Christen (1)


Trefflicher Weise ward uns anlässlich des Rosenkranzfestes auf Löwenschwingen ein Gedicht des vorerst letzten Löwen auf dem Stuhle Petri* gebracht - eine Elegie Leos XIII. in zwei Teilen, ersterer gedenkt des Sieges über die Albigenser durch Dominikus, dem Guzmán, zweiterer des Sieges der christlichen Flotte über die Türken bei Lepanto. 
Zwar habe ich mich auch schon an Klopstockdistichen versucht, in denen ich das klassische Versmaß goldener Latinität Papa Peccis verdeutschen wollte ... ließ es dann aber in Anbetracht fehlender eigener Dichtkunst und der Länge des Werkes bleiben. Und, mal ehrlich und ganz unter uns: ist uns nicht echt teutsche Dichtung, die Reimpaare und vierhebige Quatrainen lieber als altklassische Metrik, wärmen sie das Herz nicht mehr als Hexameter und Pentameter, alkäische und sapphische Strophen? Gottlob gibt es eine derart'ge Übertragung schon und ich nenne sie mein eigen (und den Poetenpapst wird's sicher nicht stören, schließlich dichtete er im Italienischen auch stets in modernen Reimen). 

So also nun etwas verspätet - Rosenkranzmonat ist aber noch - in zwei Teilen das Elegeion von 1896: 

Der Helferin der Christen

Nun, o mächt'ge Jungfrau, leihe
Meiner Leier voll'ren Klang,
Daß zu deinem Preise klinge
Deiner hehren Siege Sang.

Denn du hast in alten Zeiten
Uns'ren Vätern Sieg verlieh'n:
Ließest lächelnd dann des Friedens
Engel durch die Lande zieh'n. - 

*

Frankreich, du hast es erfahren,
Als der finstern Hölle Macht
Dir mit Teufels List und Bosheit
Unheil und Verrat entfacht.

Da warst du des Tugendglanzes
Und des Glaubens Zierde bar.
Ach, wie deine alte Würde
Und dein Stolz gesunken war!

Strotzend vor dem Schmutz der Laster
Und Verirrung warst du voll,
Der, verpestend Land und Leute,
Wie 'ne Quelle floß und quoll.

Da erscheint die heil'ge Jungfrau.
Fern' aus dem hispan'schen Land
Ruft sie ihren frommen Diener,
Durch sein Wirken wohlbekannt.

Reichet dar ihm Rosenkränze
Voller Gnad' und Huld und spricht:
"Diese Waffen werden bringen
Frankreich Rettung, Heil und Licht!"

Und mit dieser Waffenrüstung
Zieht Gusmanus aus, der Held.
Betend schlägt er seine Schlachten,
Betend siegt er auf dem Feld.

Und die Feinde sind erlegen. - 
Schöner strahlt im Glanz aufs neu',
Reiner in der Gallier Lande
Wieder alte Glaubenstreu'. 

Übersetzt von Bernhard Barth: Des Papstes Leo XIII Sämtliche Gedichte nebst Inschriften und Denkmünzen. Köln: J.P. Bachem 1904, S. 92ff. Das lateinische Original findet sich z.B. in Joseph Bach: Leonis XIII P.M. Carmina. Inscriptiones. Numismata. Gleicher Verlag, 1903

* So richtig thronen auf den Stuhle Petri, in Berninibronze interniert, kann seit eben jenem Bernini freilich niemand mehr - ob's wohl was nützen würde, wenn ... ? 

Sonntag, 16. Oktober 2016

Dom Guéranger am Sonntag

»Wenn Gott nicht mit dem ist, der regiert, dann ist dessen Regierung nicht mehr als rohe Gewalt. Der Souverän, oder das Parlament, das vorgibt ein Land zu regieren wider die Gesetze Gottes, hat kein Recht als das Recht auf Widerstand und Verachtung eines jeden aufrechten Menschen. Tyrannenedikte mit dem heiligen Namen des Gesetzes zu bezeichnen ist eine Profanierung, unwürdig nicht nur eines Christen, sondern unwürdig eines jeden Menschen, der kein Sklave ist.«
Das Liturgische Jahr: Kommentar zum Evangelium des XXII. Sonntags nach Pfingsten.