Donnerstag, 29. September 2016

Kann den Zinsen Sünde sein?

»Der Zinswucher wird unsere Gesellschaft zerstören, indes aber kann man ihm nicht entkommen.«
- Hilaire Belloc

Kürzlich stieß ich bei unser aller Lieblingsitaliener um die Ecke, im Venezia (bzw. auf dessen FB-Seite), auf eine kleine disputatio um den Islam, den Kommunismus und das Zinsverbot. Welch herrliche Gelegenheit, hiesigen Blog mal wieder aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und meinen Zinseszins dazuzugeben. Aber Vorsicht: hier schreibt kein Ökonom, sondern vielmehr der Dogmatiker mit der ihm eigentümlichen Arroganz, aus Sicht einer überlegenen Wissenschaft zu urteilen, nämlich der Theologie.

Warum aber, mag man mich zuallererst fragen, sorge ich mich derart um ein Thema, das doch mehr die Erbsenzähler und Volkswirtschaftler interessieren sollte, und weniger eine Sache ist, bei der es um Gott und die göttlichen Dinge geht. Die Antwort ist eine einfache: es dient den Bösewichten als Paradebeispiel der Mutabilität kirchlicher Lehre. Wir wissen aber, wie es mit der Lehre wirklich bestellt ist: ändern kann sich da nix.

Was ist nun die sana doctrina? Statt hier lang und breit die griechischen wie römischen Philosophen und das Neue und Alte Testament auszulegen, dazu den consensus patrum, lege ich einfach den Beschluss des sakrosankten 15. Ökumenischen Konzils vor, das da in seiner Konstitution Ex gravi ad Nos (DH 906) wie folgt sprach:
»Si quis in illum errorem inciderit, ut pertinaciter affirmare praesumat, exercere usuras non esse peccatum, decernimus eum velut haereticum puniendum.
Wer in jenen Irrtum verfällt, daß er sich erdreistet, hartnäckig zu behaupten, Zins zu nehmen sei keine Sünde, der ist, so Unser Beschluß, als Häretiker zu bestrafen.«
So viel zur solemnen Definition der Kirche. Nun stellt sich die Frage, was nun das sündhafte Zinsnehmen eigentlich darstellt... und vielleicht auch, warum das so eine schlimme Sache ist. Die Antwort darauf hat die Scholastik ausgeklügelt, und die heilige Mutter Kirche hat sich dabei besonders die Meinung des Fürsten der Scholastik zu eigen gemacht, der in seiner Summa theologiae das Grundprinzip bennent:
»Zinsen (usuria) zu nehmen für geliehen Geld ist an sich ungerecht, denn es wird verkauft was nicht existiert, und dies führt offensichtlich zur Ungleichheit, was gegen die Gerechtigkeit verstößt.« (IIa-IIae q. 78 a. 1 c.)
Nun unterscheidet Thomas aber scharf zwischen dem an sich falschen Zinswucher und dem legitimen Geldverleih - erster ist unproduktiv, zweiterer produktiv. Ein Darlehensgeber kann sich etwa am Geschäft eines Handwerkers beteiligen, in der er Besitzer des Geldes bleibt, die Risiken mitträgt und ein Recht auf den Gewinn hat. Das ist alles würdig und recht. Secundum se iniustum aber ist, wenn der Besitz des Geldes transferiert wird ohne Partnerschaft zwischen Darlehensgeber und Nehmer, wo kein Risiko geteilt und in Abwesenheit eines produktiven Ertrages ein Anspruch auf etwas erhoben wird, das gar nicht existiert.
Durch den Zinswucher wird also Geld aus der laufenden Wirtschaft genommen, ohne wieder etwas ins Töpfchen zu stecken - abgesehen von neuen wucherhaften Zinsgeschäften durch die Zinsgwinnler, die dadurch eine Geldansaugmaschine schufen. Hier wird Wohlstand produziert, der nicht länger an ökonomisches Wachstum gebunden ist. Ergebnis ist die unaufhaltsame Inflation, das Markenzeichen moderner Volkswirtschaften. Was die Potentaten früher in finanzieller Not zulasten ihrer Untertanen taten, nämlich betrügerisch das Münzgeld entwerten, ist nun Teil eines Systems, das gar nicht anders funktionieren kann als durch die systematische Abzocke der Gesellschaft. It's not a bug, it's a feature. Dadurch, daß Wohlstand da herausgesogen, wo keiner geschaffen wird, sind die Darlehensgeber, die Wenigen, die Bankinstitute und Financiers die großen Gewinner. Viel mehr noch als zu des hl. Thomas' Zeiten sollten wir dessen gewahr geworden sein, daß Zinswucher jene unglaubliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit hervorbringt, die das Proprium der Postmoderne ist.

Auch wenn die Zinswirtschaft noch zahlreiche andere Übel erwachsen lässt, etwa den Konjunkturzyklus mit seinem Auf und Ab, Boom und Rezession ... kann man zweifelsohne sagen, daß nur mit ihm das unvergleichliche kapitalistische Wirtschaftswachstum und vor allem das enorme Anschwellen der Produktion möglich geworden ist. Nur sagt der Erfolg einer Sache nicht unbedingt etwas darüber aus, ob die Sache auch moralisch rechtens ist. Und schließlich hat sich doch inzwischen auch der Gedanke durchgesetzt, daß es etwa gar nicht so doll ist, wenn die dritte Welt heillos verschuldet bleibt und das gesamte Erdenrund im Abfall und Abgas der industriellen Überproduktion versinkt.

Das bringt mich auch auf den letzten Punkt, bevor es für heute gut sein soll.* Wie kommt es, daß wir kirchlicherseits das letzte mal in enzyklikalem Umfang etwas über das Zinsverbot gehört haben, als der Österreichische Erbfolgekrieg tobte und Händel in London seine Oratorien aufführte? Freilich wurde es noch in den Seminaren bis zum (vorersten) Ende der Scholastik in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gelehrt, aber bloß im Bereich der persönlichen Sünde, ohne Bezug zur Wirtschaftstheorie - und selbst da blieb es mehr ein toter Buchstabe. Während die Barockgelehrten noch alles aufboten, um den immer komplizierter werdenden Kommerz mit dem Zinsverbot unter einen Hut zu bringen, gaben die römischen Kongregationen schließlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Windmühlenkampf auf. Und seither blieb es still.
In unseren Zeiten scheint das höchste Lehramt händeringend nach Gegenmitteln wider die wirtschaftliche Schieflage der Welt zu suchen, als fände sich ihr Heil in fremden Denksystemen, im Sozialismus oder Ökologismus, und gipfelt schließlich in der Banalität einer Anathematisierung von Klimaanlagen und Co. Dabei besitzt die Kirche eine genuin eigene Antwort, fest begründet in der Philosophie, in der hl. Schrift ... und sogar mit konfessionsübergreifender und interreligiöser Relevanz.

Aber wer würde schon die Schlußfolgerung wagen, daß wir wohl in einer ökonomisch und ökologisch gesünderen Welt leben könnten, hätte man auf die katholische Morallehre gehört? Ein zu heißes Eisen, scheint's, selbst für das höchste Kirchenamt.


* Zu sagen gäbe es noch viel, etwa über die Koinzidenz von kanonischem Zinsverbot und der Blütezeit des Mittelalters und der Gotik; sowie das Zusammenspiel von calvinistischem Protestantismus und modernem Kapitalismus.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Islam die Zweite

Bei der Lektüre einer Diskussion im Gesichtsbuch, die sich um die Frage des quid faciendum drehte, was also nun zu tun sei, nachdem Anhänger des falschen Propheten der Kirche Galliens ihren priesterlichen Erstlingsmartyrer des 21. Jahrhunderts bescherte, einen rubinroten Edelstein, der fortan die Krone auch der Kirche totius orbis ziert und fürbittend eintritt vor dem Throne Gottes und des Lammes ... ja, da musste ich an zweierlei denken, nämlich an die Frage, die der Scholastiker in gewohnter Kompetenz beantwortete, ob Christen und Mohammedaner den gleichen Gott anbeten ... und an die viel beachtete und wenig verstandene Regensburger Rede unseres vormaligen Papstes seligen Andenkens Benedikt XVI.

Viel zitiert daraus wird vor allem, ausgerechnet, ein Zitat. Es ist der Leserschaft sicherlich hinlänglich bekannt:
»Er [Kaiser Manuel II. Palaeologos - Anm.] sagt: 'Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten'.«
Der Witz am mediengemachten Skandal damals war aber, man mag es bejubeln oder bedauern, dass es dem Hl. Vater eigentlich gar nicht um eine (horribile auditu!) Islamkritik ging, sondern um das Zusammenspiel von Vernunft und Glauben. Erfrischend war es freilich, dass Benedikt ausgerechnet dieses Exemplum heranzog und damit den bislang tiefsten Punkt eines zwanghaften interreligiösen Irenismus markierte, der obersten Kirchenraison postkonziliarer Zeitrechnung.

Weiter im Text geht es nämlich so:
»Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. 'Gott hat kein Gefallen am Blut', sagt er, 'und nicht vernunftgemäß, nicht 'σὺν λόγω' zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. [...]
Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.
An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf (...)«
Nun ist die Geschichte des Islams, die der Basileus so trefflich paraphrasiert, jedem halbwegs Wissbegierigen nicht fremd. Offiziellerseits weiß man sich von zeitgenössischen Gewalttaten nun dahingehend zu distanzieren (ein schönes modernes Wort, das einmal ausgesprochen geradezu performativ Distanz schafft), indem darauf hingewiesen wird, dass doch nur das Kalifat bewaffnete Exkursionen rechtmäßig durchführen könne, und das gäbe es bekanntlich nicht mehr. Viel Stoff zur Diskussion, denn immerhin gibt es aktuell einen oder gar mehrere Kalifen ... und wie der gemeine Muslim nach der Austilgung des Kalifats vorzugehen hat, hat anno dazumal sicher auch niemand antizipiert.

Entscheidend ist hier aber etwas ganz anderes. Wir wundern uns stets, wenn uns von der bescheidensten Kanzel bis zum höchsten Lehrstuhl, vom Dorfschultheiß bis zum Kanzleramt immer der gleiche Sermon gepredigt wird: Der Islam ist die Religion des Friedens. Und auch jetzt, traut man den Stellungnahmen der Diözesen entlang des Rheins, der Isar, der Seine und der Loire, handle es sich um einen Anschlag des Hasses auf den Frieden, die Toleranz, die Liebe ... als sei die letztgenannte Trias Gemeingut von Christenheit und Umma, wenn nicht gar aller Menschen, die guten Willens sind. Gefühlt stellt sich das nur ganz anders da, ganz unabhängig davon, ob der Nachbarstürke nun ein netter Mann ist oder nicht.
Um zu verstehen, dass der Islam aber tatsächlich die Religion des Friedens ist, müssen wir gleich zwei Brillen abnehmen. Die christliche und die der abendländischen Denktradition. Wie im Zitat oben deutlich wird, handelt es sich beim Islam um einen Nominalismus radikalster Spielart. Rohe Gewalt als nicht vernunftgemäß, nicht σὺν λόγω, ist für den Moslem gar keine denkbare Kategorie. Es gibt keine Vernunft, kein ewiges Gesetz, ja, nicht einmal Wahrheit und Freiheit, Natur: die Willkür Allahs ist allbestimmend, höchster Oktroy des Allerhöchsten. Wo keine Natur und Freiheit ist, nur Gotteswille, da ist, ganz klar, nur Raum für Frieden.

Der gewitzte Leser mag mir nun entgegenhalten, mit Ockham und Duns Scotus habe der Westen doch den gleichen Voluntarismus, und in Averroes der Ibn Hazm seinen muslimischen Antipoden gefunden. Nun, gottlob sind die Lehren der ersteren mit größerem oder kleinerem Anathem belegt und versumpfen im Nichts aussterbender Häresien ... und der Kommentator fiel auf der anderen Seite herunter und ist unter den Gesetzeslehrern des Koran alles andere als wohlgelitten.

Noch ein Wort Spekulatius, bevor es den Blogbeitrag sprengt: Der Regensburger Rede und Benedikt/Ratzingers Gedankengängen folgend, da scheint es doch so, als führe die (u.a.) islamische Geisteshaltung zu einem falschen Wissen von Gott. Wie ein gelehrter anglophoner Blogger schreibt, kann das eine ziemlich gravierende Folge haben. Wenn unsere Rede, unser Wissen vom zu uns sprechenden Gott keine Grundlage hat in unseren Verstand, wenn sich seine Offenbarung uns derart fundamentaliter entzieht, woher wissen wir dann, dass es der eine wahre Gott ist, oder der Gott, dem wir unsere latreia darbieten?

Nun mag es sein, dass die Muslime "den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde" (NA 3), aber dann gewissermaßen nolens volens, weil sie wie wir alle, das Vatikanum definierte es so, durch die natürliche Vernunft zum Schöpfer gelangen. Schließlich ist es schlechterdings unmöglich, dass Mohammed von seinem Würgeengel eine wahre Botschaft von droben empfing.
Doch würde gerade das, der natürliche Glaube, den Bruch mit ihrer Religion bedeuten, denn dann gäbe es Natur und Vernunft, Wahres und Falsches. Und der Islam wäre doch eine Religion getränkt in Blut und Gewalt, nicht ölzweigbekränzet vom Frieden ...

Sonntag, 3. Juli 2016

Die Ursache für den Triumph des Islam - von Dom Guéranger

Einige Beiträge in, um und um die Blogozese herum riefen mir eine Schrift des unvergesslichen und heiligmäßigen französischen Abtes in Erinnerung, die sich, in einigen Absätzen, dem Mohammedanismus widmete. Täglich sind wir schockiert ob neuer und immer neuer Terrormeldungen - und wie viel mehr sollte es uns bestürzen, wenn die Bestürzung der Gewohnheit weicht! - und stellen uns vielleicht die Frage, welches Strafgericht diese Geißelung herbeigerufen hat. Und wie es das Angesicht Europas, des Nahen Ostens (auf immer?) entstellen soll. Die Ursache für die größten Bewegungen der Geschichte, und so beginnt auch Dom Guéranger, in dem er den christlichen von dem profan-naturalistischen Historiker unterscheidet, sind nicht in der Natur, sondern in der Übernatur, der höchsten Ursache zu suchen. Das ist die Lektion einer wahrhaft christlichen Theologie der Geschichte, wie sie wohl als erster Augustinus schrieb. Und es ist nicht bloß ein Kanzlerinnenwort, ein Staatenmoloch gleich dem apokalyptischen Tiere, oder ein gebrochenes Schengen. Doch leset selbst:
»Der Islam ist nicht einfach eine Revolution von Arabern, die sich unter ihren Zelten langweilten, von einem geschickten Anführer aufrührerisch gemacht wurden und die opulentesten Städte des Orients im Streich einnahmen. Es war vielmehr Gott, der dem alten Feind des Menschengeschlechtes eine besondere Gelegenheit bot und die Wahl eines Werkzeuges erlaubte, mit dem er Völker verführen, indem er sie durch das Schwert versklaven kann. Und da war Mohammed, der Mann Satans, und der Koran, sein Evangelium. 
Aber was war das Verbrechen, das die göttliche Gerechtigkeit in dieses Extrem führte, die Völker einer Sklaverei zu überlassen, deren Ende immer noch nicht in Sicht ist? Die Häresie ist es, das fürchterliche Verbrechen, das den Eintritt des Menschensohns in die Welt nutzlos macht. Sie protestiert gegen das Wort Gottes, sie trampelt mit Füßen die unfehlbare Lehre der Kirche. Solch ein Vergehen muss gesühnt werden, sodass die christlichen Völker lernen mögen, dass keine Nation sich wider das offenbarte Wort ungestraft erheben kann, selbst in dieser Welt, die Strafe für ihre Dreistigkeit und Undankbarkeit. Und so fiel Alexandrien, der zweite Stuhl Petri, und Antiochien, wo er zuerst Bischof war, und Jerusalem, Hüterin des glorreichen Grabes. [...]
Der Strom wurde vor Konstantinopel gestoppt und überflutete nicht sofort die umliegenden Gebiete. Dem östliche Reich, das bald das griechische werden wird, wurde die Gelegenheit geboten, daraus eine Lehre zu ziehen. Hätte Byzanz über den Glauben gewacht, dann wäre Omar niemals nach Alexandrien, noch nach Antiochien, noch nach Jerusalem gekommen. Ein Aufschub wurde gewährt, er währte acht Jahrhunderte. Aber als Byzanz das Maß bis oben gefüllt hatte, dann erschien der Halbmond zur neuerlichen Rache. Nicht länger der Sarazene ist es, er ist verbraucht, sondern der Türke. Die Hagia Sophia wird ihre christlichen Bilder übertüncht sehen, übermalt mit Koranversen. Und dies ist der Grund: sie war zum Heiligtum von Schisma und Häresie geworden. In der Zeit, die wir übersprungen haben, versklavte der Sarazene drei heilige Städte, er stieß nach Armenien, dessen Volk den monophysitischen Irrtum angenommen hatten; er fegte über die Küste Afrikas, befleckt vom Arianismus, und mit einem Sprung erreichte er Spanien. Er verliert seine Stärke, denn hier ist keine Häresie: es braucht Zeit. Er erkühnte sich sogar, französische Erde zu betreten. Aber er musste schwere Buße dafür leisten auf den Feldern von Poitou. Der Islam machte einen Fehler: wo die Häresie nicht herrscht, da ist kein Platz für ihn. [...]
Hier wollen wir einhalten, nachdem wir die Gerechtigkeit Gottes bezüglich der Häresie anerkannt haben, und den wahren Grund für den Triumph des Islam. Wir haben die einzige Ursache gesehen, warum Gott den Aufstieg des Islams erlaubte, und warum er nicht eine obskure und ephemere Sekte in der Wüste Arabiens blieb.«
aus einer Serie von dreizehn Artikeln über den Naturalismus in der Geschichte (Du Naturalisme dans l’Histoire) in L'Univers, 7. Teil von 4. Juni 1858)

Freitag, 1. Juli 2016

Neues Gesangbuch »Laudate Patrem« erschienen!

»Der Name soll eine Verbindung sein zum alten Augsburger Gesangbuch 'Laudate', das vom Jahr 1859 hundert Jahre lang in sehr vielen Auflagen in Gebrauch war. 'Laudate Patrem' deshalb, weil Jesus Christus seinen Wunsch an die Menschheit gepredigt hat, sein himmlischer Vater möge gelobt, geehrt und geliebt werden. Möge nach zweitausend Jahren endlich das Reich des himmlischen Vaters anbrechen – wie wir es in jedem 'Vater unser' beten. Den Vater im Himmel zu ehren und lieben sollten wir zu unserer Lebensaufgabe und zum Programm unseres geistlichen Lebens machen.« - aus dem Augsburger Rundbrief August/September 2015
Das mit kirchlicher Druckerlaubnis herausgegebene, etwa 1200 Seiten starke Gesang- und Gebetbuch ist ab sofort für 20 Euro per Email (laudate.patrem@t-online.de) und demnächst auch bei introibo.net bestellbar!

Update: Inzwischen kann das Laudate Patrem hier bezogen werden: http://introibo.net/laudate-patrem.php

Montag, 27. Juni 2016

O Maria, immer hilf!

 


Das Römische Missale von 1962 gibt unter den Festen für gewisse Orte zum heutigen Tage das Gedächtnis unserer Lieben Frau unter dem Titel der Immerwährenden Hilfe mit folgender Oration an:
Domine Iesu Christe, qui Genitricem tuam Mariam, cujus insignem veneramur imaginem, Matrem nobis dedisti perpetuo succurrere paratam: concede, quaesumus, Redemptionis tuae fructum perpetuo experiri mereamur.
O Herr Jesus Christus, der Du uns das Gnadenbild Deiner Mutter von der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast; gewähre, so bitten wir Dich, dass wir den ewigen Lohn Deiner Erlösung zu erlangen verdienen.
Weniger römisch-konzis, aber nicht weniger mit dem Geist frommer Andacht erfüllt ist eine Kollekte, die sich in den älteren Büchern findet:
Omnipotens et misericors Deus qui dedisti nobis beatissimae Genitricis tuae imaginem de Perpetuo Succursu speciali titulo venerari: concede propitius; ita nos inter omnes vitae huius varietates continuo eiusdem Immaculatae semperque Virginis Mariae protectione muniri, ut aeternae tuae redemptionis praemia consequi mereamur.
Allmächtiger und barmherziger Gott, der Du uns das Gnadenbild Deiner allerseligsten Mutter unter dem besonderen Titel der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast, gewähre gnädiglich, dass wir, unter all den Unbeständigkeiten unseres Lebens, beständig unter dem Schutz derselben Unbefleckten und immerwährenden Jungfrau Maria verwahrt bleiben, sodass wir den Lohn Deiner ewigen Erlösung zu erlangen verdienen.
O Maria, immer hilf!

Bild: aus der Pforte der Redemptoristenkirche in Atyra, Paraguay.

Freitag, 24. Juni 2016

Von wegen »die Messe beten« ! (ii)

»Der Grund, der immer für die Verwendung der Volkssprache herangezogen wird, ist dieser: ein jeder solle alles verstehen. Ich antworte darauf, dass die Gläubigen nicht alles verstehen müssen - nicht einmal wir Priester verstehen alles ! - sondern es genügt, dass sie das Allgemeine verstehen und nicht jede Einzelheit. Die tätige Teilnahme der Gläubigen besteht nicht so sehr im Singen und Beten, sondern auch in der Schau der Dinge, die am Altar geschehen. Bereits der hl. Thomas spricht von jenen, die in der Kirche nicht verstehen, was gesungen wird, und gibt in II-II, q. 81, art. 2 ad 5 folgende so schöne Worte: Wenn sie auch zuweilen das nicht verstehen, was gesungen wird, so verstehen sie jedoch, warum es gesungen wird, nämlich zum Lob Gottes, und das genügt, um eine fromme Andacht zu erwecken. Und das erlebte ich am Mittwoch, als ich bei jener wunderschönen byzantinischen Liturgie assistierte: Ich verstand nichts außer ein Wort, nämlich Amin‹, aber meine Andacht war aufs höchste erweckt, weil ich wusste, dass das Mysterium des Kreuzes dort vollzogen wird und ich auch den musikalischen Gesang begriff. Die Musik ist nämlich die universale Sprache, die von allen verstanden wird.« 
Benedikt Reetz, Erzabt von Beuron und Präses der Beuroner Benediktinerkongregation, Rede zum Schema S. Liturgia vom 26. Okt. 1962, zitiert nach AS I/1, S. 470.

Montag, 20. Juni 2016

Von der Wirksamkeit des Bittgebetes (i)

"But my dear Sebastian", pressed Charles, "you can't really believe it all. I mean about ... the star and three kings. And in prayers? You think you can kneel down in front of a statue ... and change the weather?"
aus Evelyn Waugh: Brideshead Revisited

Vor einiger Zeit tauchte in einem Seminar die sicher nicht neue Frage nach der Unveränderlichkeit Gottes und der Wirksamkeit des Gebetes auf. Dass Gott unveränderlich sein muss, semper idem, wird der getreuliche Katholik unterschreiben müssen, allen dynamistischen Moden zum Trotz, wenn er sich nicht das Anathem mehrerer Konzilien zuziehen will. Wie passt das aber zusammen mit den vielen Malen, in der wir in der Schrift von gewährten Bitten hören, ja und dem Wort und Gebot des göttlichen Erlösers selbst? Freilich konnte ich nicht anders, als mich für die rechte Lehre zu ereifern, die keine andere als die des Aquinaten ist ... und wurde im Anschluss von einem Kommilitonen und guten Freund gebeten, doch an dieser Stelle über das Thema zu schreiben, was ich denn hiermit tun möchte.

Eine Hinführung zur Antwort besteht vielleicht schon in der Vorstellung, die wir uns von dieser Immutabilität Gottes machen müssen. Unser Herr ist nicht der katatonische Gott der Deisten des 18. und 19. Jahrhunderts, Seine Unveränderlichkeit ist gleichzeitig höchstes Wirken und Leben - wie Augustin im Gottesstaat schreibt: Er weiß zu handeln im Ruhen und zu ruhen im Handeln. Ja, da Gott reiner Akt, actus purus, actus purissimus ist, so bedeutet gerade das höchste Maß an Tätigkeit Seine absolute Unveränderlichkeit. Bliebe Raum für Veränderlichkeit, so wäre Er insofern im Stillstand, in Erwartung, in bloßer Möglichkeit. Und gerade das kann nicht sein.
Paul Claudel, über die Marienerscheinung von La Salette schreibend, erklärte in diesem Sinne sehr schön, wie die Gottesmutter als traurig, als weinend erscheinen und dargestellt werden könne, wo sie doch selbstverständlich die Freude des Himmels genießt: Ist denn nicht die brennende, verzehrende Sorge, die die ganze Existenz durchdringt, in Tränen überquillt ... ein echteres Bild von dem absoluten Akt, den sie schaut, vom Leben der Heiligen im Himmel, in Gott ... als ein stilles, unbeteiligtes Sitzen auf irgendeiner Wolke?  Vielleicht hilft uns dieser Gedanke auch, die Seligkeit der Entschlafenen in Einklang bringen zu können mit dem vielfachen Leid der Erdenbürger, sogar dem Leid ihrer Lieben, das sie von droben mitansehen müssen.

Schauen wir uns aber zunächst das Gebet an, denn hier liegt vielleicht die Wurzel des Übels, das uns zu einem falschen Verständnis führt und dem Spott der halbgebildeten Philosophen preisgibt. Wir stellen uns gerne vor, das Gebet habe seine Kraft in und aus uns, als wollten wir Gottes Willen durch eine Art Überredung beugen. Wenn wir so denken, kommen wir notwendigerweise in Schwierigkeiten. Gott spricht ja: "Ich bin der Herr und ändere mich nicht" (Mal. 3,6). Niemand kann sich rühmen, Gott je erleuchtet, seinen Willen geändert zu haben. In ihm ist kein Wechsel, kein Schatten von Veränderlichkeit, und die Ordnung der Dinge und Ereignisse sind durch die Ratschlüsse seiner Vorsehung von Ewigkeit her festgesetzt.

Heißt das aber dann, uns in einen blinden Fatalismus flüchten? O Fortuna! Nein, denn die Worte des Evangeliums bleiben bestehen: "Bittet, und ihr werdet empfangen, suchet, und ihr werdet finden, klopfet an, und es wird euch aufgetan werden."

Das Gebet ist nicht eine Kraft, deren Ursprung wir in uns finden können. Es ist kein Vermögen der Seele, keine Gewaltanwendung wider Gott, um die Beschlüsse Seiner Vorsehung zu ändern. Sprechen wir so, dann nur in einem bildlichen Sinn. Denn der Wille Gottes ist unveränderlich, aber gerade darin liegt die Quelle der unfehlbaren Wirksamkeit des Gebetes.

Das mag sich erstaunlich anhören, ist aber trotz des Geheimnischarakters der Gnade, den dieses Gesetz in sich schließt, ganz einfach: das wahre Gebet ist unfehlbar wirksam, weil Gott beschlossen hat, dass es wirksam sei.
Es wäre ebenso kindlich, schreibt Garrigou-Lagrange, anzunehmen, dass Gott nicht von Ewigkeit her die Gebete gewollt und vorausgesehen hätte, wie sich einen Gott vorzustellen, der seine Absichten durch unseren Willen ändern würde. So erklärt es auch Gregor der Große in seinen Dialogen*:
[Ist es so,] daß verdienstvolle Heilige bei Gott manchmal etwas erlangen können, was nicht vorher bestimmt ist?
Nein, sie können keineswegs etwas erlangen, was nicht vorausbestimmt ist, sondern das, was die heiligen Männer durch ihr Gebet erreichen, ist eben in der Weise vorausbestimmt, daß es erst durch Gebete erlangt werden soll. Denn auch selbst die Vorherbestimmung des ewigen Lebens ist von Gott so getroffen, daß die Auserwählten durch ihre Anstrengung zu demselben gelangen sollen, insofern sie so durch ihr Gebet verdienen, was der allmächtige Gott ihnen von Ewigkeit her zu schenken beschlossen hat.
Zur Sache muss noch vieles gesagt werden, aber mehr dazu im nächsten Teil.

Übersetzung entnommen der Bibliothek der Kirchenväter.