Mittwoch, 27. Juli 2016

Islam die Zweite

Bei der Lektüre einer Diskussion im Gesichtsbuch, die sich um die Frage des quid faciendum drehte, was also nun zu tun sei, nachdem Anhänger des falschen Propheten der Kirche Galliens ihren priesterlichen Erstlingsmartyrer des 21. Jahrhunderts bescherte, einen rubinroten Edelstein, der fortan die Krone auch der Kirche totius orbis ziert und fürbittend eintritt vor dem Throne Gottes und des Lammes ... ja, da musste ich an zweierlei denken, nämlich an die Frage, die der Scholastiker in gewohnter Kompetenz beantwortete, ob Christen und Mohammedaner den gleichen Gott anbeten ... und an die viel beachtete und wenig verstandene Regensburger Rede unseres vormaligen Papstes seligen Andenkens Benedikt XVI.

Viel zitiert daraus wird vor allem, ausgerechnet, ein Zitat. Es ist der Leserschaft sicherlich hinlänglich bekannt:
»Er [Kaiser Manuel II. Palaeologos - Anm.] sagt: 'Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten'.«
Der Witz am mediengemachten Skandal damals war aber, man mag es bejubeln oder bedauern, dass es dem Hl. Vater eigentlich gar nicht um eine (horribile auditu!) Islamkritik ging, sondern um das Zusammenspiel von Vernunft und Glauben. Erfrischend war es freilich, dass Benedikt ausgerechnet dieses Exemplum heranzog und damit den bislang tiefsten Punkt eines zwanghaften interreligiösen Irenismus markierte, der obersten Kirchenraison postkonziliarer Zeitrechnung.

Weiter im Text geht es nämlich so:
»Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. 'Gott hat kein Gefallen am Blut', sagt er, 'und nicht vernunftgemäß, nicht 'σὺν λόγω' zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. [...]
Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Herausgeber, Theodore Khoury, kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent. Sein Wille ist an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazm so weit gehe zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.
An dieser Stelle tut sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf (...)«
Nun ist die Geschichte des Islams, die der Basileus so trefflich paraphrasiert, jedem halbwegs Wissbegierigen nicht fremd. Offiziellerseits weiß man sich von zeitgenössischen Gewalttaten nun dahingehend zu distanzieren (ein schönes modernes Wort, das einmal ausgesprochen geradezu performativ Distanz schafft), indem darauf hingewiesen wird, dass doch nur das Kalifat bewaffnete Exkursionen rechtmäßig durchführen könne, und das gäbe es bekanntlich nicht mehr. Viel Stoff zur Diskussion, denn immerhin gibt es aktuell einen oder gar mehrere Kalifen ... und wie der gemeine Muslim nach der Austilgung des Kalifats vorzugehen hat, hat anno dazumal sicher auch niemand antizipiert.

Entscheidend ist hier aber etwas ganz anderes. Wir wundern uns stets, wenn uns von der bescheidensten Kanzel bis zum höchsten Lehrstuhl, vom Dorfschultheiß bis zum Kanzleramt immer der gleiche Sermon gepredigt wird: Der Islam ist die Religion des Friedens. Und auch jetzt, traut man den Stellungnahmen der Diözesen entlang des Rheins, der Isar, der Seine und der Loire, handle es sich um einen Anschlag des Hasses auf den Frieden, die Toleranz, die Liebe ... als sei die letztgenannte Trias Gemeingut von Christenheit und Umma, wenn nicht gar aller Menschen, die guten Willens sind. Gefühlt stellt sich das nur ganz anders da, ganz unabhängig davon, ob der Nachbarstürke nun ein netter Mann ist oder nicht.
Um zu verstehen, dass der Islam aber tatsächlich die Religion des Friedens ist, müssen wir gleich zwei Brillen abnehmen. Die christliche und die der abendländischen Denktradition. Wie im Zitat oben deutlich wird, handelt es sich beim Islam um einen Nominalismus radikalster Spielart. Rohe Gewalt als nicht vernunftgemäß, nicht σὺν λόγω, ist für den Moslem gar keine denkbare Kategorie. Es gibt keine Vernunft, kein ewiges Gesetz, ja, nicht einmal Wahrheit und Freiheit, Natur: die Willkür Allahs ist allbestimmend, höchster Oktroy des Allerhöchsten. Wo keine Natur und Freiheit ist, nur Gotteswille, da ist, ganz klar, nur Raum für Frieden.

Der gewitzte Leser mag mir nun entgegenhalten, mit Ockham und Duns Scotus habe der Westen doch den gleichen Voluntarismus, und in Averroes der Ibn Hazm seinen muslimischen Antipoden gefunden. Nun, gottlob sind die Lehren der ersteren mit größerem oder kleinerem Anathem belegt und versumpfen im Nichts aussterbender Häresien ... und der Kommentator fiel auf der anderen Seite herunter und ist unter den Gesetzeslehrern des Koran alles andere als wohlgelitten.

Noch ein Wort Spekulatius, bevor es den Blogbeitrag sprengt: Der Regensburger Rede und Benedikt/Ratzingers Gedankengängen folgend, da scheint es doch so, als führe die (u.a.) islamische Geisteshaltung zu einem falschen Wissen von Gott. Wie ein gelehrter anglophoner Blogger schreibt, kann das eine ziemlich gravierende Folge haben. Wenn unsere Rede, unser Wissen vom zu uns sprechenden Gott keine Grundlage hat in unseren Verstand, wenn sich seine Offenbarung uns derart fundamentaliter entzieht, woher wissen wir dann, dass es der eine wahre Gott ist, oder der Gott, dem wir unsere latreia darbieten?

Nun mag es sein, dass die Muslime "den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde" (NA 3), aber dann gewissermaßen nolens volens, weil sie wie wir alle, das Vatikanum definierte es so, durch die natürliche Vernunft zum Schöpfer gelangen. Schließlich ist es schlechterdings unmöglich, dass Mohammed von seinem Würgeengel eine wahre Botschaft von droben empfing.
Doch würde gerade das, der natürliche Glaube, den Bruch mit ihrer Religion bedeuten, denn dann gäbe es Natur und Vernunft, Wahres und Falsches. Und der Islam wäre doch eine Religion getränkt in Blut und Gewalt, nicht ölzweigbekränzet vom Frieden ...

Sonntag, 3. Juli 2016

Die Ursache für den Triumph des Islam - von Dom Guéranger

Einige Beiträge in, um und um die Blogozese herum riefen mir eine Schrift des unvergesslichen und heiligmäßigen französischen Abtes in Erinnerung, die sich, in einigen Absätzen, dem Mohammedanismus widmete. Täglich sind wir schockiert ob neuer und immer neuer Terrormeldungen - und wie viel mehr sollte es uns bestürzen, wenn die Bestürzung der Gewohnheit weicht! - und stellen uns vielleicht die Frage, welches Strafgericht diese Geißelung herbeigerufen hat. Und wie es das Angesicht Europas, des Nahen Ostens (auf immer?) entstellen soll. Die Ursache für die größten Bewegungen der Geschichte, und so beginnt auch Dom Guéranger, in dem er den christlichen von dem profan-naturalistischen Historiker unterscheidet, sind nicht in der Natur, sondern in der Übernatur, der höchsten Ursache zu suchen. Das ist die Lektion einer wahrhaft christlichen Theologie der Geschichte, wie sie wohl als erster Augustinus schrieb. Und es ist nicht bloß ein Kanzlerinnenwort, ein Staatenmoloch gleich dem apokalyptischen Tiere, oder ein gebrochenes Schengen. Doch leset selbst:
»Der Islam ist nicht einfach eine Revolution von Arabern, die sich unter ihren Zelten langweilten, von einem geschickten Anführer aufrührerisch gemacht wurden und die opulentesten Städte des Orients im Streich einnahmen. Es war vielmehr Gott, der dem alten Feind des Menschengeschlechtes eine besondere Gelegenheit bot und die Wahl eines Werkzeuges erlaubte, mit dem er Völker verführen, indem er sie durch das Schwert versklaven kann. Und da war Mohammed, der Mann Satans, und der Koran, sein Evangelium. 
Aber was war das Verbrechen, das die göttliche Gerechtigkeit in dieses Extrem führte, die Völker einer Sklaverei zu überlassen, deren Ende immer noch nicht in Sicht ist? Die Häresie ist es, das fürchterliche Verbrechen, das den Eintritt des Menschensohns in die Welt nutzlos macht. Sie protestiert gegen das Wort Gottes, sie trampelt mit Füßen die unfehlbare Lehre der Kirche. Solch ein Vergehen muss gesühnt werden, sodass die christlichen Völker lernen mögen, dass keine Nation sich wider das offenbarte Wort ungestraft erheben kann, selbst in dieser Welt, die Strafe für ihre Dreistigkeit und Undankbarkeit. Und so fiel Alexandrien, der zweite Stuhl Petri, und Antiochien, wo er zuerst Bischof war, und Jerusalem, Hüterin des glorreichen Grabes. [...]
Der Strom wurde vor Konstantinopel gestoppt und überflutete nicht sofort die umliegenden Gebiete. Dem östliche Reich, das bald das griechische werden wird, wurde die Gelegenheit geboten, daraus eine Lehre zu ziehen. Hätte Byzanz über den Glauben gewacht, dann wäre Omar niemals nach Alexandrien, noch nach Antiochien, noch nach Jerusalem gekommen. Ein Aufschub wurde gewährt, er währte acht Jahrhunderte. Aber als Byzanz das Maß bis oben gefüllt hatte, dann erschien der Halbmond zur neuerlichen Rache. Nicht länger der Sarazene ist es, er ist verbraucht, sondern der Türke. Die Hagia Sophia wird ihre christlichen Bilder übertüncht sehen, übermalt mit Koranversen. Und dies ist der Grund: sie war zum Heiligtum von Schisma und Häresie geworden. In der Zeit, die wir übersprungen haben, versklavte der Sarazene drei heilige Städte, er stieß nach Armenien, dessen Volk den monophysitischen Irrtum angenommen hatten; er fegte über die Küste Afrikas, befleckt vom Arianismus, und mit einem Sprung erreichte er Spanien. Er verliert seine Stärke, denn hier ist keine Häresie: es braucht Zeit. Er erkühnte sich sogar, französische Erde zu betreten. Aber er musste schwere Buße dafür leisten auf den Feldern von Poitou. Der Islam machte einen Fehler: wo die Häresie nicht herrscht, da ist kein Platz für ihn. [...]
Hier wollen wir einhalten, nachdem wir die Gerechtigkeit Gottes bezüglich der Häresie anerkannt haben, und den wahren Grund für den Triumph des Islam. Wir haben die einzige Ursache gesehen, warum Gott den Aufstieg des Islams erlaubte, und warum er nicht eine obskure und ephemere Sekte in der Wüste Arabiens blieb.«
aus einer Serie von dreizehn Artikeln über den Naturalismus in der Geschichte (Du Naturalisme dans l’Histoire) in L'Univers, 7. Teil von 4. Juni 1858)

Freitag, 1. Juli 2016

Neues Gesangbuch »Laudate Patrem« erschienen!

»Der Name soll eine Verbindung sein zum alten Augsburger Gesangbuch 'Laudate', das vom Jahr 1859 hundert Jahre lang in sehr vielen Auflagen in Gebrauch war. 'Laudate Patrem' deshalb, weil Jesus Christus seinen Wunsch an die Menschheit gepredigt hat, sein himmlischer Vater möge gelobt, geehrt und geliebt werden. Möge nach zweitausend Jahren endlich das Reich des himmlischen Vaters anbrechen – wie wir es in jedem 'Vater unser' beten. Den Vater im Himmel zu ehren und lieben sollten wir zu unserer Lebensaufgabe und zum Programm unseres geistlichen Lebens machen.« - aus dem Augsburger Rundbrief August/September 2015
Das mit kirchlicher Druckerlaubnis herausgegebene, etwa 1200 Seiten starke Gesang- und Gebetbuch ist ab sofort für 20 Euro per Email (laudate.patrem@t-online.de) und demnächst auch bei introibo.net bestellbar!

Update: Inzwischen kann das Laudate Patrem hier bezogen werden: http://introibo.net/laudate-patrem.php

Montag, 27. Juni 2016

O Maria, immer hilf!

 


Das Römische Missale von 1962 gibt unter den Festen für gewisse Orte zum heutigen Tage das Gedächtnis unserer Lieben Frau unter dem Titel der Immerwährenden Hilfe mit folgender Oration an:
Domine Iesu Christe, qui Genitricem tuam Mariam, cujus insignem veneramur imaginem, Matrem nobis dedisti perpetuo succurrere paratam: concede, quaesumus, Redemptionis tuae fructum perpetuo experiri mereamur.
O Herr Jesus Christus, der Du uns das Gnadenbild Deiner Mutter von der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast; gewähre, so bitten wir Dich, dass wir den ewigen Lohn Deiner Erlösung zu erlangen verdienen.
Weniger römisch-konzis, aber nicht weniger mit dem Geist frommer Andacht erfüllt ist eine Kollekte, die sich in den älteren Büchern findet:
Omnipotens et misericors Deus qui dedisti nobis beatissimae Genitricis tuae imaginem de Perpetuo Succursu speciali titulo venerari: concede propitius; ita nos inter omnes vitae huius varietates continuo eiusdem Immaculatae semperque Virginis Mariae protectione muniri, ut aeternae tuae redemptionis praemia consequi mereamur.
Allmächtiger und barmherziger Gott, der Du uns das Gnadenbild Deiner allerseligsten Mutter unter dem besonderen Titel der Immerwährenden Hilfe zur Verehrung gegeben hast, gewähre gnädiglich, dass wir, unter all den Unbeständigkeiten unseres Lebens, beständig unter dem Schutz derselben Unbefleckten und immerwährenden Jungfrau Maria verwahrt bleiben, sodass wir den Lohn Deiner ewigen Erlösung zu erlangen verdienen.
O Maria, immer hilf!

Bild: aus der Pforte der Redemptoristenkirche in Atyra, Paraguay.

Freitag, 24. Juni 2016

Von wegen »die Messe beten« ! (ii)

»Der Grund, der immer für die Verwendung der Volkssprache herangezogen wird, ist dieser: ein jeder solle alles verstehen. Ich antworte darauf, dass die Gläubigen nicht alles verstehen müssen - nicht einmal wir Priester verstehen alles ! - sondern es genügt, dass sie das Allgemeine verstehen und nicht jede Einzelheit. Die tätige Teilnahme der Gläubigen besteht nicht so sehr im Singen und Beten, sondern auch in der Schau der Dinge, die am Altar geschehen. Bereits der hl. Thomas spricht von jenen, die in der Kirche nicht verstehen, was gesungen wird, und gibt in II-II, q. 81, art. 2 ad 5 folgende so schöne Worte: Wenn sie auch zuweilen das nicht verstehen, was gesungen wird, so verstehen sie jedoch, warum es gesungen wird, nämlich zum Lob Gottes, und das genügt, um eine fromme Andacht zu erwecken. Und das erlebte ich am Mittwoch, als ich bei jener wunderschönen byzantinischen Liturgie assistierte: Ich verstand nichts außer ein Wort, nämlich Amin‹, aber meine Andacht war aufs höchste erweckt, weil ich wusste, dass das Mysterium des Kreuzes dort vollzogen wird und ich auch den musikalischen Gesang begriff. Die Musik ist nämlich die universale Sprache, die von allen verstanden wird.« 
Benedikt Reetz, Erzabt von Beuron und Präses der Beuroner Benediktinerkongregation, Rede zum Schema S. Liturgia vom 26. Okt. 1962, zitiert nach AS I/1, S. 470.

Montag, 20. Juni 2016

Von der Wirksamkeit des Bittgebetes (i)

"But my dear Sebastian", pressed Charles, "you can't really believe it all. I mean about ... the star and three kings. And in prayers? You think you can kneel down in front of a statue ... and change the weather?"
aus Evelyn Waugh: Brideshead Revisited

Vor einiger Zeit tauchte in einem Seminar die sicher nicht neue Frage nach der Unveränderlichkeit Gottes und der Wirksamkeit des Gebetes auf. Dass Gott unveränderlich sein muss, semper idem, wird der getreuliche Katholik unterschreiben müssen, allen dynamistischen Moden zum Trotz, wenn er sich nicht das Anathem mehrerer Konzilien zuziehen will. Wie passt das aber zusammen mit den vielen Malen, in der wir in der Schrift von gewährten Bitten hören, ja und dem Wort und Gebot des göttlichen Erlösers selbst? Freilich konnte ich nicht anders, als mich für die rechte Lehre zu ereifern, die keine andere als die des Aquinaten ist ... und wurde im Anschluss von einem Kommilitonen und guten Freund gebeten, doch an dieser Stelle über das Thema zu schreiben, was ich denn hiermit tun möchte.

Eine Hinführung zur Antwort besteht vielleicht schon in der Vorstellung, die wir uns von dieser Immutabilität Gottes machen müssen. Unser Herr ist nicht der katatonische Gott der Deisten des 18. und 19. Jahrhunderts, Seine Unveränderlichkeit ist gleichzeitig höchstes Wirken und Leben - wie Augustin im Gottesstaat schreibt: Er weiß zu handeln im Ruhen und zu ruhen im Handeln. Ja, da Gott reiner Akt, actus purus, actus purissimus ist, so bedeutet gerade das höchste Maß an Tätigkeit Seine absolute Unveränderlichkeit. Bliebe Raum für Veränderlichkeit, so wäre Er insofern im Stillstand, in Erwartung, in bloßer Möglichkeit. Und gerade das kann nicht sein.
Paul Claudel, über die Marienerscheinung von La Salette schreibend, erklärte in diesem Sinne sehr schön, wie die Gottesmutter als traurig, als weinend erscheinen und dargestellt werden könne, wo sie doch selbstverständlich die Freude des Himmels genießt: Ist denn nicht die brennende, verzehrende Sorge, die die ganze Existenz durchdringt, in Tränen überquillt ... ein echteres Bild von dem absoluten Akt, den sie schaut, vom Leben der Heiligen im Himmel, in Gott ... als ein stilles, unbeteiligtes Sitzen auf irgendeiner Wolke?  Vielleicht hilft uns dieser Gedanke auch, die Seligkeit der Entschlafenen in Einklang bringen zu können mit dem vielfachen Leid der Erdenbürger, sogar dem Leid ihrer Lieben, das sie von droben mitansehen müssen.

Schauen wir uns aber zunächst das Gebet an, denn hier liegt vielleicht die Wurzel des Übels, das uns zu einem falschen Verständnis führt und dem Spott der halbgebildeten Philosophen preisgibt. Wir stellen uns gerne vor, das Gebet habe seine Kraft in und aus uns, als wollten wir Gottes Willen durch eine Art Überredung beugen. Wenn wir so denken, kommen wir notwendigerweise in Schwierigkeiten. Gott spricht ja: "Ich bin der Herr und ändere mich nicht" (Mal. 3,6). Niemand kann sich rühmen, Gott je erleuchtet, seinen Willen geändert zu haben. In ihm ist kein Wechsel, kein Schatten von Veränderlichkeit, und die Ordnung der Dinge und Ereignisse sind durch die Ratschlüsse seiner Vorsehung von Ewigkeit her festgesetzt.

Heißt das aber dann, uns in einen blinden Fatalismus flüchten? O Fortuna! Nein, denn die Worte des Evangeliums bleiben bestehen: "Bittet, und ihr werdet empfangen, suchet, und ihr werdet finden, klopfet an, und es wird euch aufgetan werden."

Das Gebet ist nicht eine Kraft, deren Ursprung wir in uns finden können. Es ist kein Vermögen der Seele, keine Gewaltanwendung wider Gott, um die Beschlüsse Seiner Vorsehung zu ändern. Sprechen wir so, dann nur in einem bildlichen Sinn. Denn der Wille Gottes ist unveränderlich, aber gerade darin liegt die Quelle der unfehlbaren Wirksamkeit des Gebetes.

Das mag sich erstaunlich anhören, ist aber trotz des Geheimnischarakters der Gnade, den dieses Gesetz in sich schließt, ganz einfach: das wahre Gebet ist unfehlbar wirksam, weil Gott beschlossen hat, dass es wirksam sei.
Es wäre ebenso kindlich, schreibt Garrigou-Lagrange, anzunehmen, dass Gott nicht von Ewigkeit her die Gebete gewollt und vorausgesehen hätte, wie sich einen Gott vorzustellen, der seine Absichten durch unseren Willen ändern würde. So erklärt es auch Gregor der Große in seinen Dialogen*:
[Ist es so,] daß verdienstvolle Heilige bei Gott manchmal etwas erlangen können, was nicht vorher bestimmt ist?
Nein, sie können keineswegs etwas erlangen, was nicht vorausbestimmt ist, sondern das, was die heiligen Männer durch ihr Gebet erreichen, ist eben in der Weise vorausbestimmt, daß es erst durch Gebete erlangt werden soll. Denn auch selbst die Vorherbestimmung des ewigen Lebens ist von Gott so getroffen, daß die Auserwählten durch ihre Anstrengung zu demselben gelangen sollen, insofern sie so durch ihr Gebet verdienen, was der allmächtige Gott ihnen von Ewigkeit her zu schenken beschlossen hat.
Zur Sache muss noch vieles gesagt werden, aber mehr dazu im nächsten Teil.

Übersetzung entnommen der Bibliothek der Kirchenväter.

Sonntag, 19. Juni 2016

Die Berge von Gilboë II

Bereits im letzten Jahr habe ich auf eine Perle des gregorianischen Repertoires im Kirchenjahr hingewiesen, und auch dieses Jahr will ich es nicht lassen:

»Montes Gelboë, * nec ros nec pluvia veniant super vos: quia in te abjectus est clypeus fortium, clypeus Saul, quasi non esset unctus oleo. Quomodo ceciderunt fortes in bello? Jonathas in excelsis interfectus est: Saul et Jonathas amabiles, et decori valde in vita sua, in morte quoque non sunt divisi.
Ihr Berge von Gilboë, * es soll weder tauen noch regnen auf euch: denn dort ward weggeworfen der Helden Schild, der Schild Sauls, als wäre er nicht gesalbt mit Öl. Wie sind die Starken gefallen im Kampf? Jonathan ist erschlagen auf den Höhen. Saul und Jonathan, lieblich und schön in ihrem Leben, sind auch im Tode nicht geschieden.«
Das letzte Mal legte die Nähe zum Apostelfürstenfest eine Interpretation nahe, in diesem Jahr dazu die Auslegung Gregors des Großen aus der Moralia in Iob, wie sie im Römischen Brevier in den Metten zum Sonntag gelesen werden: 
»Was haben denn die Berge Gelboes durch Sauls Tod für eine Schuld auf sich geladen, daß auf sie weder Tau noch Regen fallen soll und daß das Fluchwort all ihr Grün zum Vertrocknen verurteilt? Da aber Gelboe in unserer Sprache soviel heißt wie Ablauf, durch Saul aber, der gesalbt war und als solcher starb, der Tod unseres Mittlers vorgebildet wird, so wird hier durch die Berge nicht unpassend auf die stolzen Herzen der Juden hingedeutet, die, in alle Gelüste dieser Welt hinabsinkend, in den Tod Christi, des Gesalbten, sich einmischten. Und weil in ihrer Mitte der gesalbte König den leiblichen Tod erlitten, bleiben sie von allem Tau der Gnade augeschlossen.«
Übersetzung nach Pius Parsch: Das Jahr des Heiles. (III. Band, Nachpfingstteil). Klosterneuburg bei Wien 1953, S. 95.